Archivierter Artikel vom 04.10.2014, 06:00 Uhr

Freude über die Freiheit, Trauer um den Bruder

Das freudige Ereignis des Mauerfalls wird immer getrübt sein. Ganz gleich, wie viele Jahre seit dem Fall der Mauer vergangen sind – und noch sein werden -, für Petra Holbein bleiben die Wende und die deutsche Einheit stets mit geteilten Emotionen verbunden. Am 9. November 1989 bekommt sie die Freiheit geschenkt, zehn Jahre zuvor aber wird ihr der Bruder genommen. Seit seinem Fluchtversuch über die CSSR fehlt von Hermann Josef Credo jede Spur.

Foto: Gabi Novak-Oster

Auf dem Erfurter Domplatz herrscht noch am späten Nachmittag lebhaftes Treiben. Gäste aus aller Welt genießen die Thüringer Bratwurst, und ein Foto mit dem prächtigen Dom als Wahrzeichen von Thüringens Landeshauptstadt muss natürlich auch sein. Einheimische decken sich auf dem Markt mit frischem Obst und Gemüse ein, die meisten haben längst vertraute Händler.

Der MauerfallIn dieser Serie treffen unsere Redakteure Menschen, über die wir vor 25 Jahren anlässlich des Mauerfalls bereits berichtet haben. Was ist aus ihnen geworden?
Der MauerfallIn dieser Serie treffen unsere Redakteure Menschen, über die wir vor 25 Jahren anlässlich des Mauerfalls bereits berichtet haben. Was ist aus ihnen geworden?

Unser Treffpunkt sind die Stufen zum Erfurter Dom, ein Wiedersehen nach fast 25 Jahren. Petra Holbein kommt auf dem Fahrrad. Einmal in der Woche legt sie die 15 Kilometer weite Strecke vom Wohnort Neudietendorf zu ihrer Arbeitsstelle beim Caritasverband in Erfurt mit dem Rad zurück, heute hat sich nach Dienstschluss Ehemann Werner hinzugesellt. In einer Seitengasse finden wir einen ruhigen Platz zum Gespräch.

„Die Familie in Erfurt hofft noch immer“ überschrieben wir unsere Reportage im Februar 1990. „Ja, damals bestand noch die Hoffnung“, erinnert sich Petra Holbein sofort. „Wenn der Bruder lebt, wird es nach der Wende rauskommen“, klammert sich die Familie an die neue Situation. „Aber es konnte uns keiner helfen.“ Das klingt keineswegs verbittert, eher nüchtern, sachlich, realistisch. Und: „Es ist nicht meine Geschichte, es ist die der ganzen Familie.“ Sieben Kinder sind sie zu Hause, sie werden in der Bauernfamilie streng katholisch erzogen.

Es ist im Sommer 1979, als sich Hermann Josef Credo, damals 22 Jahre alt, mit einem Freund in Richtung Tschechoslowakei aufmacht, sie wollen zum Motorradrennen nach Brünn. Was nur die Familie weiß: Der Sohn und Bruder will über Bratislava die Flucht in den Westen wagen. „Ich guck mir das mal an“, beruhigt er die Angehörigen zum Abschied. „Na ja, vielleicht komm ich ja auch wieder.“ Er kommt nicht zurück, und er kommt wohl auch nicht an.

Jahrelang hofft vor allem die Mutter. Am Tag seines Verschwindens ist in Bratislava kein Schuss gefallen, heißt es später von den Behörden. Was aber ist mit Hermann? Die Ungewissheit zermürbt. Bis heute wird am 8. Februar, seinem Geburtstag, eine Messe gelesen. Der Vater ist inzwischen verstorben, die Mutter lebt seit zwei Jahren im Altenheim, bestellt die Messe alljährlich. „Da werde ich die Sache wohl später übernehmen. Er lebt ja noch“, sagt die Schwester.

Während die älteren Geschwister studieren können, „war bei mir dann Feierabend, es griffen andere Kriterien.“ So ergeht es auch Bruder Hermann. „Er wollte sich etwas schaffen und merkte, in der DDR hat er keine Chance“, erzählt Petra 1990 und erinnert sich: „Unter all dem hat mein Bruder sehr gelitten, und irgendwann wussten wir alle: Er wird nicht bleiben.“

Schwester Petra macht eine zweijährige Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau, ihr großes Ziel aber bleibt das Abitur – „schon aus Prinzip“ und ohne bei den Pionieren gewesen zu sein. „Das Abi hab ich mir dann auf Umwegen in der Abendschule geholt.“ Sie fragt sich danach allerdings: „Was soll ich in diesem Staat noch studieren?“ Die junge Frau bekommt eine Anstellung im Bürobereich bei der Caritas des Bistums Erfurt – und bleibt dort bis heute.

An welche Probleme und Entbehrungen in der DDR erinnert sich Petra Holbein? Sie überlegt. „Wenn Sie das als Problem sehen: Dass man eben nicht das werden konnte, was man wollte. Dass einem Bildung verwehrt wurde.“ Entscheidend für sie: „Ich habe mich nicht verbogen.“ Im Nachhinein, sagt sie, empfindet sie aber keinen Groll mehr. „Es ist alles Fügung. Und manchmal auch Glück.“ Sie kennt viele, die damals studieren, aber nach der Wende keine Anstellung bekommen und auf der Straße sitzen. „Ich habe bis heute durchgearbeitet und keine Arbeitslosigkeit erlebt.“ Wieder kurzes Nachdenken. „Ich bin da nicht böse. Klar, damals hätte man gern mehr machen wollen, aber es hat mir da gefallen, wo ich war. Okay, das reicht mir, mehr muss ich nicht haben.“ Bescheidenheit, die der Staat gelehrt hat. Bei „Besuchsreisen“ zu Verwandten darf sie in den 80er-Jahren sogar ein wenig West-Luft schnuppern. „Ich hab alles gesehen, den Kopf geschüttelt und gedacht: Ich gönne es denen ja. Aber warum haben wir nicht wenigstens ein bisschen davon?“

„Rüber machen“, daran verschwendet Petra Holbein dennoch keinen Gedanken. Sie hat inzwischen Familie, zwei Kinder. „Da ist man vernünftig.“ Und wieder die Erinnerung an ihren Bruder. „Es ging zu schnell bei ihm, und es ging schief.“ Kurze Pause. „Da hatte ich keinerlei Ambitionen mehr. An Flucht zu denken, das wäre doch Frevel gewesen, auch den Eltern gegenüber.“ Aber natürlich bekommen die Holbeins mit, was sich in der DDR tut, vor allem in Leipzig. Auch in Erfurt gibt es Demonstrationen. Der kleinen Kinder wegen geht die zweifache Mutter nicht auf die Straße. „Aus Angst und aus Verantwortung.“

Am 9. November 1989 ist alles „nur wahnsinnig“. Petra Holbein ist allein zu Hause. Sie steht vor dem Fernseher und denkt: „Was war das jetzt?“ Es ist schwer zu begreifen, was sich gerade ereignet hat. Dann rückt bei aller Freude wieder ganz schnell der Bruder in den Blickpunkt „Mensch, hättest du doch noch ein bisschen gewartet, nur ein paar Jahre.“ Die Schwester wird für einen Moment traurig. „Das freudige Ereignis des Mauerfalls wird immer getrübt sein.“

Die Stunden nach Öffnung der Grenze sind kaum wiederzugeben, allein die Schlangen am Bahnhof und dem Fahrkartenschalter ... Drei Tage später, sonntags, fährt Familie Holbein in den Westen, nach Fulda. „Es war alles einfach nur gigantisch.“ Es scheint, als erlebe die 58-Jährige im Moment des Erzählens den besonderen Tag vor 25 Jahren noch einmal. Denkt sie nach der Wende an einen Umzug in die westlichen Bundesländer? „Ich hatte schon mal so schwache Ambitionen, ganz kurz, gell.“ Petra Holbein schaut ihren Mann an, lächelt. „Aber er ist sehr bodenständig.“ Da widerspricht der Ehemann nicht.

Bereut haben die Holbeins ihr Bleiben nie. „Nein!“, sagt Petra Holbein energisch. „Nein!“ Sie schmieden Pläne: „Schaffen wir uns was Eigenes. Das war unser Ziel.“ Sie möchten gern in Neudietendorf bleiben, wo sie seit 1983 zur Miete wohnen. „Das war für DDR-Verhältnisse schon toll.“ Nach der Wende wird in dem vor den Toren Erfurts gelegenen Ort sogar der Traum vom Eigenheim wahr. Natürlich gibt es Neider, als sie ihr Haus bauen. Wichtiger aber ist der Familie der Zusammenhalt im Dorf, die Solidarität. „Da können wir uns nicht beklagen.“

Vernünftig sind sie geblieben, da sind sich Petra und Werner Holbein einig. Reisen sind in der Bauphase nicht drin. Und bis 1999 fahren sie sogar ihren alten Wartburg, auf den sie einst 14 Jahre warten mussten. Irgendwann aber protestieren die Kinder: „Da steigen wir nicht mehr ein.“ Das überzeugt die Eltern. Die Mutter ist froh, ihre beiden Mädchen noch zu DDR-Zeiten bekommen zu haben. Im September 1989 sollen sie zur Schule, die Mutter ist ratlos: „Was machst du jetzt? Keine Pioniere! Ich hab's nicht getan, und ich wollte es für die Kinder auch nicht.“ Sie atmet durch. „Wir waren katholisch und haben's auf dieser Schiene gemacht.“ Aber halten sie das durch? „Ich war so froh, dass die Wende kam.“ Heute ist eine Tochter Grundschullehrerin, die andere Krankenschwester.

Im Beruf bleibt für Petra Holbein nach dem Fall der Mauer alles wie vorher. Fast. „Das soziale Gefüge hat sich verändert“, sagt sie. „Zunehmend habe ich Angst, welcher Altersarmut wir entgegengehen.“ Auch die Arbeitslosigkeit bereitet Sorge. „Man muss sich kümmern, sonst wird’s nischt.“ Natürlich wurden Fehler gemacht in der Nachwendezeit. Vor allem wirtschaftlich sei einiges kaputt gegangen, was nicht notwendig war. Aber beklagen – nein, das ist nicht ihr Ding. Sie genießen, wo immer es möglich ist. Nach Jahren ohne Urlaub gönnen die Holbeins sich jetzt sogar schon mal die eine oder andere Kreuzfahrt. Oder sie besuchen die Partnergemeinde Gau-Algesheim im Kreis Mainz-Bingen.

25 Jahre nach dem Fall der Mauer, nach Öffnung der Grenzen – wie beschreiben sie da ihre Gefühle? Petra Holbein überlegt. Schaut ihren Mann an. „Hilf mir mal.“ Er sagt ein einziges Wort: „Dankbarkeit.“ Das gefällt: „Ja.“

Gabi Novak-Oster