Archivierter Artikel vom 27.07.2013, 06:00 Uhr

Feuersturm: Die Nacht, in der Hamburg unterging

Der 27. Juli 1943 ist ein ungewöhnlich heißer Tag. Auch in den Abendstunden sinken die Temperaturen nicht unter 30 Grad. Die Hamburger zieht es auf die Straßen – und in die Kneipen. Abschalten vom Krieg.

Feuersturm In wenigen Stunden sterben mehr als 30 000 Menschen – Marianne Salow aus Boppard erinnert sich an 1943
Feuersturm In wenigen Stunden sterben mehr als 30 000 Menschen – Marianne Salow aus Boppard erinnert sich an 1943
Foto: dpa

Von Dirk Eberz

Augenzeugin Marianne Salow aus Boppard hat das Inferno nur mit Glück überlebt.
Augenzeugin Marianne Salow aus Boppard hat das Inferno nur mit Glück überlebt.
Foto: Suzanne Breitbach

Die Ruhe vor dem Sturm. Denn die Stimmung ist gedrückt. Schon seit Tagen fliegen die Alliierten Angriffe auf die Hansestadt. Marianne Gehrke hat Brandwache in den Deutschen Maizena-Werken. „Ich sah schon seltsam aus“, erinnert sie sich, „mit meinen 90 Pfund und dem riesigen Feuerwehrhelm.“

Aber die Bomber haben ihrer Großmutter schwer zugesetzt. „Sie hatte einen Herzanfall erlitten.“ Die 21-Jährige darf zu Hause übernachten. Um 23.40 Uhr heulen die Sirenen. Marianne Gehrke wird aus dem Schlaf gerissen. Die junge Frau springt aus dem Bett, packt mit ihrem Vater das Nötigste zusammen: Papiere, ein paar Kleidungsstücke, Wasser.

Das ist fast schon Routine. „Ich kann noch heute alles im Dunkeln finden“, sagt die 90-Jährige, die heute Salow heißt und in Boppard lebt. Dann hilft sie einem älteren Mann, der mit im Haus wohnt. Ihre Mutter und der kleine Bruder sind auf dem Land in Sicherheit.

Im Schutzkeller herrscht eine beklemmende Atmosphäre

Die junge Frau weiß: 20, 30 Minuten bleiben ihr, bis die Bomber kommen. Auf dem Weg in den Keller sieht sie, wie britische Aufklärer die Ziele markieren. „Christbäume nannten wir das.“ Im Schutzraum kauern sich die Menschen zusammen. Es sind vor allem Frauen. Talglichter erleuchten den stickigen Raum, in dem sich eine beklemmende Atmosphäre ausbreitet.

„Einige häkelten“, sagt die gebürtige Hamburgerin. „Ich habe das Kofferradio angemacht.“ Unterhaltungsmusik ertönt. Vielleicht Lilli Marleen. Marianne Salow weiß es nicht mehr. „Das wurde ja rauf und runter gespielt.“ Die Anspannung steigt mit jeder Minute. Alle beten. Die Mauern sind massiv, die Türen aus Stahl. Meist halten die Keller also stand.

Dennoch können die Menschen ihre Panik nur mühsam unterdrücken. Denn der Schutzraum kann auch zur tödlichen Falle werden, wenn Trümmer Ausgang und Luftschächte versperren. „Ich dachte nur: Hoffentlich kommen wir hier wieder raus.“ Nach wenigen Minuten nähern sich die ersten Bomber. 739 Maschinen haben die Briten aufgeboten. Eine gewaltige Streitmacht. Das unheimliche Brummen ihrer Motoren wird Marianne Salow nie vergessen.

„Ich hatte das Gefühl, dass
Haut und Kopf brennen.“
Als Marianne Salow den
Keller verlässt, raubt es ihr
fast den Atem.

Auch nicht das markerschütternde Pfeifen der Luftminen, die jetzt aus den Schächten der Lancaster-Bomber fallen. „Das war ein furchtbares Geräusch.“ Mehrere Sekunden sind sie in der Luft, bevor sie aufschlagen. Instinktiv duckt sich Marianne Gehrke weg. Dann lassen die ersten Detonationen den Boden erzittern. Die Einschläge kommen immer näher.

„Irgendwann wackelte unser Haus.“ In diesem Moment drehen viele durch. „Ich habe schon Soldaten gesehen, die sich auf den Boden warfen“, sagt die 90-Jährige. „Die wollten lieber wieder an die Front.“ Im Keller der Gehrkes hingegen bleiben alle ruhig, auch wenn der jungen Frau das Herz bis zum Hals schlägt. Drei Stunden lang bebt die Erde. Vielleicht sind es auch vier. Die junge Frau verliert jegliches Zeitgefühl.

2400 Tonnen Bomben prasseln in der Zwischenzeit auf die hilflosen Hamburger herab. Es ist der bis zu diesem Zeitpunkt schwerste Angriff in der Geschichte. Die Briten verfolgen eine perfide Strategie. Sprengbomben und Luftminen zerstören zunächst die Dächer. Dann folgen die Brandbomben, die alles Brennbare entzünden.

Schon um 1 Uhr stehen ganze Straßenzüge in Flammen. Eine riesige Rauchsäule liegt über der Millionenstadt. In den schmalen Straßen wird die Luft wie in einem Kamin nach oben gezogen. Wohnblocks und Speicher bieten dem Feuer reichlich Nahrung. Im Zentrum herrschen Temperaturen von 1000 Grad. Das Inferno übertrifft sogar die Erwartungen der Briten, die Hamburg mit der Operation Gomorrha dem Erdboden gleichmachen wollen.

Feuersturm verwandelt Hamburg in eine einzige Flammenhölle

Als die 21-Jährige nach draußen geht, raubt es ihr fast den Atem. Ein heißer Sturm fegt durch die Straßen, reißt Blätter und Äste von den Bäumen. „Ich hatte das Gefühl, dass Haut und Kopf brennen.“ Vor der jungen Frau liegt eine einzige Flammenhölle. Das Dach ihres Elternhauses brennt lichterloh. Schnell bilden die Nachbarn eine Eimerkette.

Zusammen mit ihrem Vater klettert sie auf die Balken, um den Brand mit einer Feuerpatsche zu ersticken. „Das ist so etwas wie ein riesiger Wischmopp.“ Wie lange sie gegen die Flammen kämpft, weiß sie nicht mehr. „Man funktioniert wie ein Automat.“ Danach hilft sie dabei, die Vorgärten von Blindgängern zu säubern. Überall liegen Brandbomben herum. „Das waren so Bündel“ – gefüllt mit flüssigem Phosphor. Erst jetzt wird ihr das ganze Ausmaß der Katastrophe bewusst.

Der Geruch von verbranntem Fleisch liegt in der Luft. Menschen, die im geschmolzenen Teer versunken sind, brennen wie Fackeln. Bei der Erinnerung versagt ihr kurz die Stimme. „Ich sehe immer noch die verkohlten Menschen an einer Litfaßsäule vor mir. Entsetzlich!“ Viele Hamburger haben sich verzweifelt in die Binnenalster geworfen.

Sie sterben in dem flüssigen Phosphor, der sich wie eine Feuerwalze auf dem Wasser ausbreitet. „Und dann die Wagen mit den vielen Leichen, auf die sie Kalk gestreut hatten.“ Marianne Salow wird die Bilder nie mehr vergessen. Hart trifft es auch die Männer, die Tausende Tote bergen müssen. „Die standen ständig unter Alkohol“, erinnert sich die Bopparderin. Anders lässt sich der Horror nicht ertragen. Auch ihr Vetter ist in diesen Tagen im Einsatz.

„Die Sonne stand glutrot am Himmel.

Wie ein Feuerball.“
Marianne Salow erinnert sich an den Tag nach dem
Feuersturm, als es nicht richtig hell wird.

„Er ist damit nicht fertig geworden. Einige Jahre später hat er sich aufgehängt.“ Am Morgen des 28. Juli wird es nicht hell. „Die Sonne stand glutrot am Himmel“, blickt die 90-Jährige mit Schrecken zurück. „Wie ein Feuerball.“ Denn noch immer liegen dichte Rauchschwaden über der Hansestadt. Noch tagelang werden die Trümmer brennen.

Und es bleibt unglaublich heiß. Der größte Schock steht der jungen Frau aber noch bevor. Die Fabrik, in der sie Nachtwache haben sollte, hat einen Volltreffer erhalten. Ihre Kollegen sind im Schutzraum verbrannt. „Sie waren verkohlt und zusammengeschrumpft.“ Der Herzanfall ihrer Großmutter hat ihr das Leben gerettet. Wie ein Gespenst wandelt die 21-Jährige durch die Trümmerwüste, die noch wenige Tage zuvor eine pulsierende Großstadt gewesen ist.

Das Rathaus ist wie durch ein Wunder fast unversehrt geblieben. Doch fast alle Kanäle brennen. Mehr als 30 000 Hamburger sollen in dieser Nacht gestorben sein. So genau weiß das niemand. Denn die meisten sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Die Leichen werden in einem Massengrab bestattet. Die Ungewissheit der Angehörigen bleibt. Überall hängen Zettel mit Namen.

Darauf steht dann „Bitte melde dich“ oder „Ich lebe noch“, erinnert sich die 90-Jährige. Wenn sie über die Schutthalden steigt, fällt es selbst dem „Hamburger Dirn“ schwer, sich zu orientieren.

Marianne Salow ist die einzige Überlebende ihrer Schulklasse

Irgendwie geht das Leben weiter – mit Steineklopfen, Kohle organisieren. „Ich habe auch aus Güterzügen geklaut.“ Die Schrebergärten retten die Familie. „Da gab es Wasser.“

Marianne Salow ist die Einzige aus ihrer Schulklasse, die den Krieg überlebt hat. Die Jungs fallen an der Front, die Mädchen verbrennen oder ersticken in den Kellern und auf den Straßen. Trotzdem empfindet sie keinen Hass gegenüber den Engländern. „Nein, überhaupt nicht. Es war Krieg.“ Nur als die Briten Arthur Harris, der die Flächenbombardements zu verantworten hat, ein Denkmal setzen, wird sie richtig wütend. Harris hat mit Hamburg ein Fanal im Luftkrieg gesetzt.

Die brutale Strategie wird noch viele Hunderttausend Deutschen das Leben kosten.