Archivierter Artikel vom 19.04.2013, 07:00 Uhr

Feuer in Düngemittelfabrik – Kleinstadt war auf Unglück nicht vorbereitet

Dunkle Wolken lagen über den mit Trümmern übersäten Straßen, überall liegen Scherben, Krankenwagen mühen sich an den verkohlten und fensterlosen Häuserfassaden vorbei. Doch West ist kein Kriegsgebiet, liegt nicht in Syrien oder Afghanistan, sondern mitten in Texas. In dem Städtchen, 100 Kilometer südlich von Dallas, ist am Mittwochabend (Ortszeit) eine Düngemittelfabrik explodiert.

Wie nach einem Bombenangriff sieht es rund im die Fabrik in Texas aus. Feuerwehrleute suchen nach Überlebenden.
Wie nach einem Bombenangriff sieht es rund im die Fabrik in Texas aus. Feuerwehrleute suchen nach Überlebenden.
Foto: dpa / upload new

Die Polizei spricht nach Stunden der Ungewissheit von 5 bis 15 Toten – doch Mitarbeiter des Rettungsdienstes halten auch bis zu 70 Opfer für möglich. Mindestens 180 Menschen wurden verletzt. „Die letzte Nacht war für diese Gemeinde ein Albtraum“, sagte der Gouverneur von Texas, Rick Perry. Die Region um die kleine Stadt West wurde zum Katastrophengebiet erklärt.

Die Rauchwolke war kilometerweit zu sehen. 
Die Rauchwolke war kilometerweit zu sehen.
Foto: dpa / upload new

US-Präsident Barack Obama sicherte der Stadt Unterstützung zu. Er hat aus der Airforce One auf dem Weg nach Boston angerufen, sagte Gouverneur Perry. „Sie werden die Unterstützung des amerikanischen Volkes haben“, sagte Obama. Seine Regierung halte engen Kontakt mit den Rettungskräften. Auch Papst Franziskus bat um Gebete für die Opfer und ihre Familien. Gouverneur Perry sagte: „Diese Tragödie hat wahrscheinlich jede Familie in dieser kleinen Gemeinde getroffen.“

Explosion in Düngerfabrik
Explosion in Düngerfabrik
Foto: dpa

Am Anfang wirkt es eher wie ein Fall höchstens für das Lokalfernsehen: In West brennt das Düngemittelwerk. Hoch lodern die Flammen, und Umstehende halten das Spektakel mit der Handykamera fest. Bis 19.53 Uhr Ortszeit. Mit einem gewaltigen Knall, der noch fast 75 Kilometer entfernt zu hören ist, und einem 30 Meter hohen Feuerball explodiert das Werk und verwandelt den Umkreis in eine Ruinenlandschaft. Die Erschütterung durch die Explosion war so stark, dass Seismologen sie als ein Erdbeben der Stufe 2,5 klassifiziert haben.

Auf den Videos der Schaulustigen wechselt das berauschte „Wow, was für ein Feuer!“ in blankes Entsetzen. Und immer wieder die gleichen Rufe: „Oh mein Gott! Oh mein Gott!“ Es trifft vor allem diejenigen, die helfen wollen. Männer und Frauen, die vor der Katastrophe nicht weg-, sondern zu ihr hinlaufen, um andere Menschen zu retten: Feuerwehrleute und Sanitäter.

Auch am Tag nach der Katastrophe ist das Ausmaß nicht abzusehen. Doch es gibt keinen Zweifel, dass vor allem Helfer unter den Opfern sind. Dutzende bezahlen ihren Mut mit ihrer Gesundheit – oder gar dem Leben. „Ich kann Ihnen nur sagen, dass wir derzeit von 5 bis 15 Toten ausgehen“, sagt Polizeisprecher Patrick Swanton am Morgen. Zuvor schon hat Rettungsdienstchef George Smith von „mindestens 60“ Toten gesprochen, doch die Situation bleibt verworren.

Keine Stadt kann auf solch eine Katastrophe vorbereitet sein. Die Ortschaft West mit weniger als 3000 Einwohnern war es ganz bestimmt nicht. Doch obwohl die Polizei von einem Unfall ausgeht, kommen den Menschen immer wieder Bilder von Krieg und Terror in den Sinn. „Es sah aus wie eine Atombombe“, sagt Wests Bürgermeister Tommy Muska.

„Eine große Pilzwolke“ über der kleinen Stadt. „Es war wie im Irak“, sagt Polizist D. L. Wilson. „Oder wie beim Murrah-Gebäude in Oklahoma City.“ In der Stadt, nur wenige Autostunden nördlich, hatte 1995 ein Terrorist 168 Menschen ermordet – mit einer Bombe aus Düngemittel. „Besonders in der einen Straße sieht es aus wie im Kriegsgebiet“, sagt Rettungsdienstchef Smith. „Die Häuser sind eingestürzt, und es könnten noch Menschen drin sein. Die sind entweder schwer verletzt oder tot.“

Sein Notdienst ist lahmgelegt: Viele der Helfer sind selbst Opfer. Die Rettungsarbeiten sind nicht nur durch die Angst vor giftigen Gasen erschwert, die Helfer fürchten vor allem auch weitere Explosionen. Das Feuer sollte zwar gelöscht werden, nicht aber um jeden Preis, betont Staatspolizist Wilson: „Wir kämpfen hier um Menschenleben, nicht um Güter.“ Wests Bürgermeister Tommy Muska sagte, dass 50 bis 80 Häuser zerstört wurden. Ein Gebäude mit 50 Wohnungen stand mitten in der Druckwelle und verlor seine Fassade.

„Es war ein komplettes Chaos wie in einem Horrorfilm“, sagte Ersthelfer Jesse Ross. Er und seine Kameraden hatten die Umgebung evakuiert und mehr als 1000 Menschen der etwa 2800 Einwohner von West in Sicherheit gebracht. Darunter sind auch rund 130 Bewohner eines Altenheims, die ihr Zuhause, gleich bei der Fabrik, räumen müssen. Wind erschwerte die Arbeit der Feuerwehr und nährte die Furcht vor giftigen Dämpfen, die von der Unglücksstelle zu den naheliegenden Wohngebieten der Kleinstadt West geweht werden könnten.

Für die ums Leben gekommenen texanischen Feuerwehrleute wurde noch in der Nacht eine eigene Facebook-Seite eingerichtet. „Der letzte Einsatz“ bekam innerhalb weniger Stunden Tausende von Sympathisanten, eine andere Seite für alle Opfer sogar mehr als 60 000. Minütlich kamen Dutzende hinzu.

Chris Melzer