Archivierter Artikel vom 10.07.2012, 08:39 Uhr
Berlin

Fehltage in Firmen explodieren – Job drängt bei vielen ins Privatleben

Die Diagnose Burn-out mausert sich zu einem gravierenden Problem für Arbeitgeber. Nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer (BPTK) ist die Zahl der betrieblichen Fehltage seit 2004 um knapp 1400 Prozent gestiegen: „Die Menschen fühlen sich in ihrem Leben und bei ihrer Arbeit immer häufiger überfordert“.

Berlin. Die Diagnose Burn-out mausert sich zu einem gravierenden Problem für Arbeitgeber. Nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer (BPTK) in Berlin ist die Zahl der betrieblichen Fehltage seit 2004 um knapp 1400 Prozent gestiegen.

„Die Menschen fühlen sich in ihrem Leben und bei ihrer Arbeit immer häufiger überfordert“, diagnostiziert BPTK-Präsident Rainer Richter. In deutschen Unternehmen entstehen durch psychische Krankheiten Produktionsausfälle von rund 26 Milliarden Euro pro Jahr.

Im Jahr 2004 fehlten 100 Versicherte 0,6 Tage aufgrund von Burn-out, im Jahr 2011 waren es schon neun Tage. Statistisch gesehen sind damit 12,5 Prozent aller Fehltage auf psychische Erkrankungen zurückzuführen.

„Im Gespräch mit dem Arzt schildern viele Arbeitnehmer Erschöpfung oder Stress“, sagt Richter. Solche Schilderungen von Burn-out-Symptomen sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden, weil dahinter oft psychische Erkrankungen stecken. Bei 85 Prozent der Krankschreibungen wegen Burn-out diagnostizierte der Arzt zusätzlich eine psychische (etwa Depression, Angststörung) oder körperliche Erkrankung (etwa Rückenschmerzen).

„Die psychosozialen Belastungen der modernen Gesellschaft werden erheblich unterschätzt“, warnt er. „Seelisch überlastete Personen erhalten meist zu spät Beratung oder Hilfe, psychisch Kranke zu spät eine Behandlung.“

„Kultur der ständigen Erreichbarkeit“

Ein weiterer Stressfaktor, der zu Burn-out führen kann, ist die Tatsache, dass viele Job und Privatleben nicht mehr sauber trennen können. Wolfgang Panter, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte, spricht von „Entgrenzung von Arbeit und Freizeit“. Wo sich beides nicht mehr auseinanderhalten lässt, gibt es keinen Feierabend mehr. Ein weiterer Grund für die Zunahme stressbedingter Fehltage liegt für Panter in der Arbeitszeitverkürzung der vergangenen Jahre, die zu einer Verdichtung der Arbeit geführt hat. „Vor allem aber hat die Komplexität der Arbeit enorm zugenommen“, sagt der Experte.

Panter bemängelt auch eine „Kultur der ständigen Erreichbarkeit“. Das bemerkt er bei immer mehr Arbeitnehmern. Vorgesetzte, die gewohnt sind, praktisch immer angerufen werden zu können, vermitteln diese Haltung im Betrieb an andere, ist er überzeugt. „Auch das trägt dazu bei, dass der Feierabend verschwindet.“

Die Themen „Stress im Job“ und „Burn-out“ hat mittlerweile auch die Politik entdeckt. Eine deutliche Trennung von Arbeit und Freizeit hat Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) jüngst gefordert. Hilfreich dafür sei es, sich selbst klare Regeln zu geben, rät Wolfgang Panter. Etwa dafür, wann das Einloggen ins Firmennetzwerk am Wochenende definitiv tabu ist oder wann abends das Handy ausgeschaltet wird. E-Mails noch kurz vor dem Einschlafen zu lesen, hält der Mediziner ohnehin nicht für empfehlenswert. „Wer das sein lässt, schläft in der Regel ruhiger.“