Archivierter Artikel vom 07.07.2020, 20:34 Uhr

«Keine Anhaltspunkte»

Ermittlungen zu Oktoberfestattentat von 1980 eingestellt

13 Tote, mehr als 200 Verletzte: Das Oktoberfestattentat vor 40 Jahren war der größte rechtsextreme Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Ende 2014 wurden die Ermittlungen neu aufgenommen. Nun liegt das Ergebnis vor.

Lesezeit: 3 Minuten
Oktoberfest-Attentat 1980
Nach dem Anchlag am 26. September 1980 wird ein Sarg vom verwüsteten Tatort auf dem Oktoberfest getragen.
Foto: Frank Leonhardt/dpa

München (dpa). Das Oktoberfestattentat von 1980 war eindeutig rechtsextremistisch motiviert. Das ergaben dem Vernehmen nach die neuen Ermittlungen zu der Tat mit 13 Toten und mehr als 200 Verletzten.

Die Bundesanwaltschaft stellte am Montag die vor gut fünfeinhalb Jahren neu aufgenommenen Ermittlungen ein, wie ein Sprecher in Karlsruhe am Dienstagabend sagte. Zuvor hatten „Süddeutsche Zeitung“, „Spiegel“ und „Tagesspiegel“ darüber berichtet.

Konkrete Ansätze zur Verfolgung etwaiger Hintermänner oder Komplizen wurden auch nach Prüfung Hunderter Spuren nicht gefunden. „Wir haben keine zureichenden, tatsächlichen Anhaltspunkte für die Beteiligung weiterer Personen als Mittäter, Anstifter oder Gehilfen an der Tat des Gundolf Köhler“, sagte der Sprecher.

Anders als bei der Einstellung 1982 habe die Bundesanwaltschaft aber klar den rechtsterroristischen Hintergrund festgestellt, sagte der Münchner Opferanwalt Werner Dietrich, der die neuen Ermittlungen im Dezember 2014 mit seinem dritten Wiederaufnahmeantrag in Gang gebracht hatte. Die Anklagebehörde komme nun zu dem Schluss, dass Gundolf Köhler vor Gewaltanwendung als Mittel zur Durchsetzung seiner demokratie- und verfassungsfeindlichen Ziele nicht zurückschreckte.

Dietrich zitierte aus der Karlsruher Einstellungsverfügung über Gespräche Köhlers mit seinen gleichgesinnten Freunden: „Köhler hat dabei nicht nur über das durch die Tat zu erreichende konkrete Ziel der politischen Einflussnahme auf die bevorstehende Bundestagswahl gesprochen, sondern darüber hinaus über einen Führerstaat und eine nationalsozialistische Diktatur, die er für wünschenswert halte.“ Bei der Bundestagswahl am 5. Oktober 1980 war CSU-Chef Franz Josef Strauß als Kanzlerkandidat der Union gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) angetreten, der bestätigt wurde.

Eineinhalb Wochen davor, am Abend des 26. September 1980, hatten am Haupteingang zur Wiesn 1,39 Kilogramm TNT zwölf Festgäste in den Tod gerissen und mehr als 200 verletzt. Schrauben und Nägel erhöhten die Zerstörungskraft. Auch der Bombenleger Köhler starb. Der Geologie-Student war ein früherer Anhänger der dann verbotenen rechtsextremistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ und hatte Kontakte in weitere rechtsextreme Gruppen sowie zur NPD.

Die Akten wurden damals rasch geschlossen, das Verfahren eingestellt. Die Behörden sprachen von einem Einzeltäter, der die Tat aus rein privaten Motiven beging. Das bezweifelten Angehörige, Opfervertreter und Politiker verschiedener Parteien, sie kämpften für die Wiederaufnahme der Ermittlungen, was 2014 geschah – etwa eineinhalb Jahre nach dem Beginn des Prozesses um die rechtsextremen Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Die Rufe nach Aufklärung waren damit noch lauter geworden.

Seitdem gab es laut Anwalt Dietrich weit über tausend Vernehmungen von Zeugen und Opfern, an die 900 Hinweise und Spuren wurden überprüft und fast 400.000 Seiten Akten durchflöht. Die Bundesanwaltschaft habe gründlich und ergebnisoffen ermittelt und sei damit zu „dieser eindeutigen politischen Einschätzung gekommen“. „Schon deshalb hat sich der jahrzehntelange Einsatz gelohnt“, sagte der 73-Jährige.

In den 1980er Jahren hatte es zahlreiche Pannen gegeben. Zeugen wurden nicht ausreichend gehört. Ein nahe dem Explosionsort entdecktes Fragment einer Hand wurde in der Rechtsmedizin untersucht – und verschwand spurlos. 48 Zigarettenstummel aus Köhlers Auto wurden vernichtet. Heute hätten DNA-Spuren Hinweise liefern können. 504 Asservate wurden laut Dietrich vernichtet, angeblich aus Platzmangel.

Als der Generalbundesanwalt 2014 die Wiederaufnahme verkündete, war das auch ein Bekenntnis: dass damals nicht alles gut gelaufen war. Er sprach damals schon vom „schwersten rechtsextremistische Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“.

© dpa-infocom, dpa:200707-99-708853/3