Archivierter Artikel vom 18.01.2016, 19:00 Uhr
Charkiw

Die vergessenen Opfer des Krieges besucht

Daniela Schadt und der kleine Iwan sitzen Rücken an Rücken. Hinter ihnen liegt ein Sponge Bob. Die First Lady und der Fünfjährige greifen auf Kommando von Kindergärtnerin Olga bei einem Spiel nach Klötzchen in bestimmten Farben. Die Kinder lernen dabei, dass man gut zuhören muss im Leben.

Mit Klötzchen gegen Traumata: Unicef-Schirmherrin Daniela Schadt spielte in einem ukrainischen Sozialzentrum mit Flüchtlingskindern.  Foto: dpa
Mit Klötzchen gegen Traumata: Unicef-Schirmherrin Daniela Schadt spielte in einem ukrainischen Sozialzentrum mit Flüchtlingskindern.
Foto: dpa

Von Caroline Bock

In dem Sozialzentrum in Charkiw im Osten der Ukraine ist das eine ernste Sache. Etwa zwei Stunden entfernt liegt die Front zu einem immer noch sehr bitteren Konflikt. Bisher starben mehr als 9000 Menschen. Iwan kommt aus einer von Hunderttausenden Familien, die vor dem Krieg geflohen sind.

Daniela Schadt, die Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck, ist nicht zum ersten Mal als Unicef-Schirmherrin in einem Krisengebiet unterwegs. 2014 besuchte sie in Jordanien ein Flüchtlingslager an der Grenze zu Syrien. Jetzt das knietief verschneite Charkiw. Es geht in ein Land, das in den Nachrichten nach hinten gerutscht ist. Die Ukraine ist 2015, das von Bildern aus Syrien und Flüchtlingen geprägt war, aus dem Blick geraten. Doch laut UN gibt es etwa 1,6 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land, darunter etwa 200 000 Kinder. Es ist wie überall auf der Welt: Die Kleinsten trifft es dabei ganz besonders hart. Die Unicef-Kinderschutzbeauftragte Gabrielle Akimova warnt in Charkiw: „Wir dürfen keine verlorene Generation haben.“

Wie Nachrichten funktionieren, weiß Daniela Schadt. Die 56-Jährige war früher politische Journalistin. Die Ukraine? Man sollte die Augen nicht abwenden von dem, was dort passiere, findet sie. Es sei eine schwierige Situation in einem Land, das ohnehin in einer schwierigen Phase der Veränderung ist und in dem viele Menschen auf der Flucht sind. „Dazu kommen die ganzen Probleme, die es schon vor dem Konflikt gegeben hat“, sagt Schadt. Damit meint sie etwa die hohe HIV-Rate.

Wenn Schadt nicht mit dem Bundespräsidenten reist, ist das Protokoll viel kleiner. Sie fährt wie jedermann mit dem Zug, setzt sich an einen Vierertisch und verteilt Schokoladentäfelchen. Was hat sie in den fast vier Jahren als First Lady überrascht? Dass man in den Abläufen gar nicht so „eingeklemmt“ sei, sagt sie. „Man kann einigermaßen normal bleiben bei der ganzen Angelegenheit.“ Natürlich unterhält man sich bei Gaucks/Schadts zu Hause über Politik. Die Einflüstererin an seiner Seite, eine graue Eminenz – das sei sie nicht. Selbst wenn sie es versuchen würde, „Joachim Gauck“, so nennt sie ihn, würde ihr das nicht abkaufen, sagt Schadt.

Sicher wird sie ihm von den Eindrücken aus der Ukraine berichten. Vielleicht von der jungen Architektin Elina (32), die angespannt die Hände knetet, als sie mit Schadt spricht. Sie erzählt, dass ihre Eltern immer noch im gefährlichen Donezkgebiet sind, wo sie täglich Waffen hören. Das Sozialzentrum in Charkiw und die Leute dort sind wichtig für die alleinerziehende Mutter. „Sie haben mir geholfen, nicht in Depressionen zu fallen.“ Vielleicht wird Schadt auch Eindrücke von den Filmen mitnehmen, die Kinder über den Krieg gedreht haben. Jaroslaw spielt darin einen Chemiker und zündelt bei einem Experiment, bei dem er geschickt die Flammen ausmacht. Seine Botschaft: „Mache nie ein Feuer, wenn du nicht weißt, wie man es löscht.“