Archivierter Artikel vom 15.09.2010, 07:57 Uhr

Die Doping-Welt ist immer noch eine Scheibe

Von Volker Boch

Volker Boch

Endlich macht einer mal das Maul auf. Bislang hat sich der verknöcherte Funktionärsapparat in Ost und West immer hinter irgendwelchen Mauern verschanzt, wenn es um das Thema Doping ging. Und von dort mit dem erhobenen Zeigefinger auf die da hinter der Mauer gewiesen. Früher auf die im Osten, heute auf die in Jamaika, Russland oder sonstwo, wo gedopt wird. In Deutschland, in allen Sportarten? Iwo!

Bis heute gehört neben Diplomatie und charmanter Gesprächsführung bei Sponsoren eben auch Heuchelei und Versteckspielen zum Funktionärsgeschäft. Gerade beim Thema Doping wird unschuldig getan und dann angesichts (zu) magerer Medaillenausbeuten bei den großen Sportfesten gejammert, dass härter trainiert werden muss. Erfolge müssen her, koste es, was es wolle. Aber sauber natürlich.

In einer Welt, in der einzelne Fußballer im Monat mehr verdienen als die Mitarbeiter eines mittelständischen Unternehmens zusammen, in der beinahe täglich Spiele und Wettbewerbe mit höchstem Leistungsanspruch auf dem Programm stehen, muss niemand so tun, als werde nicht gedopt – und falls das doch so sein sollte, dann höchstens im Radsport. Aus dieser Perspektive betrachtet ist die Welterkenntnis nicht einen Zentimeter über die „Scheiben-Theorie“ hinausgekommen.

Das mal grundsätzlich. Und im Speziellen: Es gibt auch heute noch Trainer, die ihre minderjährigen Sportler derart im Griff haben, dass diese auch dopen würden, um ihren eigenen Leistungsansprüchen oder jenen des Trainers oder gar einer ganzen sportbegeisterten Gesellschaft gerecht werden zu können. Gerade wird im Schwimmsport darüber diskutiert, ob einer der ranghöchsten deutschen Trainer eine 15-jährige Athletin missbraucht hat oder ob es sich um eine „normale“ sexuelle Beziehung gehandelt hat.

Der Staatsdruck der ehemaligen DDR ist in der „freien“ westlichen Sportstruktur überganglos ersetzt worden durch den kommerziellen Anreiz. Wer im Sport finanziell etwas erreichen will, muss ganz früh ganz oben ankommen. Wer es nicht schafft, steht meist ohne existenzielle Basis da. Abgebrochene Berufsausbildungen gibt es bei Ex-Spitzenathleten häufiger als Summa-cum-laude-Abschlüsse.

Ganz sicher wird auch der zuletzt in der Versenkung verschwundene Thomas Köhler sein Buch geschrieben haben, um kommerziellen Erfolg zu haben. Ziemlich kapitalistische Denkweise für einen Ex-Marxisten. Verwerflicher ist jedoch eher, dass es darin mehr um eine Rechtfertigung geht als um eine Reflexion der Vergehen an den Spitzensportlern, die unter dem Druck des Systems ganz sicher eins eben nicht konnten: freiwillig darüber entscheiden, ob sie dopen wollen.

Es ist dennoch gut, dass dieses Buch heute in den Handel kommt. Schließlich haben deutsche Richter noch vor wenigen Jahren den einschlägig vorbelasteten Trainer Thomas Springstein trotz nachgewiesenen Minderjährigen-Dopings mit einer Minimalstrafe davonkommen lassen. Sehr weit ist der viel gerühmte Anti-Doping-Kampf noch nicht gekommen.