Archivierter Artikel vom 06.12.2011, 20:32 Uhr
Berlin

Der Intellektuelle

Der 64-jährige Bundestagsabgeordnete und frühere Finanzminister Peer Steinbrück hat sich im Zuge der Euro-Krise zu einem der beliebtesten Politiker Deutschlands entwickelt. Seine Ansprache zur Steuerpolitik war mehr als nur eine Rede zu einem Parteitagsantrag. Auch er hat seinen Hut damit für die Kanzlerkandidatur in den Ring geworfen – und zeigt sich emotionaler als sonst.

Berlin – Der 64-jährige Bundestagsabgeordnete und frühere Finanzminister Peer Steinbrück hat sich im Zuge der Euro-Krise zu einem der beliebtesten Politiker Deutschlands entwickelt. Seine Ansprache zur Steuerpolitik war mehr als nur eine Rede zu einem Parteitagsantrag. Auch er hat seinen Hut damit für die Kanzlerkandidatur in den Ring geworfen – und zeigt sich emotionaler als sonst.

Auftritt: Steinbrück konnte mit seiner Rede gleich zu Beginn des letzten Tages des Parteitreffens auf die volle Aufmerksamkeit hoffen. Er führte der SPD seine Stärken als Finanzexperte vor Augen, bemühte sich aber kaum, die Delegierten emotional zu packen. Der Kanzlerin warf er vor, Europa „zu physikalisch“ zu betrachten, er selbst trat in seiner Argumentation jedoch auch eher intellektuell als volksnah auf. Worte wie „Marktorthodoxie“ und „disponierende Eliten“ benutzte er selbstverständlich. Wenn er sie gesagt hatte, presste er oft die Lippen aufeinander und griff ans Pult, wie um den Ernst der Lage noch einmal zu unterstreichen. Innerhalb seines Themas, der Finanzpolitik, konnte er leidenschaftlich sein, aber das zündete kaum. Als plötzlich das Mikrofon zu rauschen begann, reagierte er schlagfertig: „Das ist die CDU.“ Er kämpfte darum, die spürbare Reserviertheit zwischen ihm und den Genossen aufzuheben. Doch so ganz gelang das nicht.

Thema: In der Euro- und Schuldenkrise ist Steinbrück der ausgewiesene Fachmann der SPD, doch konnte er damit offenbar nicht alle in den eigenen Reihen überzeugen. Er hatte die schwierige Aufgabe, den linken Parteiflügel von seiner Forderung eines Spitzensteuersatzes von 53 abzubringen und stattdessen eine Mehrheit für die 49 Prozent zu organisieren. Steinbrück, unter den Parteilinken ohnehin nicht sehr beliebt, wählte behutsame Worte und bekannte sich zum „Fixstern“ Gerechtigkeit, für den die SPD 150 Jahre gekämpft habe und den sie jetzt nicht preisgeben dürfe. Der Subtext seiner Worte lautete: Seht her, ich bin doch einer von euch.

Reaktion: Nur selten wurde seine Rede von Beifall unterbrochen. Sie war durchdacht und klug, aber nicht unbedingt mitreißend. Weniger als Steinmeier versuchte Steinbrück ein breites Themenfeld abzuarbeiten. Erst als Gabriel die Delegierten ermunterte, standen sie zum Applaudieren am Ende der Rede auf. Unter den Dreien war es der schwächste Auftritt.

Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann