Archivierter Artikel vom 23.07.2014, 06:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Der Fall des Michael Hartmann

Die rheinland-pfälzische SPD hat ihren Frieden mit Michael Hartmann gemacht. Vorerst. Wer Reue zeigt, den verurteilt man nicht. Der Mainzer Bundestagsabgeordnete hat den Konsum von Crystal Meth in einem sehr begrenzten Zeitraum gestanden.

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Michael Hartmann. Foto: dpa
Michael Hartmann.
Foto: dpa

Einer Droge, die besonders schnell süchtig macht. Der 51-Jährige hat sich von seinen Berliner Spitzenämtern verabschiedet, lässt seine Mitgliedschaft im Landesvorstand ruhen, zeigt sich zerknirscht. Sein Bundestagsmandat behält er. Niemand will jetzt nachtreten, Michael Hartmann den Weg zurück ins politische Geschäft verbauen. Wenn nichts mehr nachkommt, heißt es von der rheinland-pfälzischen SPD-Führungsriege, dann kann der gestrauchelte Politiker auf einen Neuanfang hoffen. Aber auch nur dann.

Hoher Sympathiefaktor

Der langjährige Bundestagsabgeordnete profitiert von einem Vertrauensbonus, den er in seiner Heimat in jahrelanger Arbeit aufgebaut hat. Viele kennen ihn, schätzen ihn, mögen ihn. Hartmann gilt als umgänglich und humorvoll, als durchsetzungsstark und thematisch sattelfest. Ein Schwergewicht in seiner Partei. So jemanden lässt man nicht einfach fallen, wenn die Chance besteht, dass er zu rehabilitieren ist. Die vier verhängnisvollen Wochen, für die er den Kauf und Konsum von Crystal Meth eingeräumt hat, werden als Schwäche- und Krankheitsphase gesehen. Zumal Hartmann angab, den Stoff zur Leistungssteigerung genommen zu haben. Die Verzweiflungstat eines gestressten Politikers, der in Zeiten schwieriger Koalitionsverhandlungen dem Druck nicht mehr gewachsen war? Als Medizin wird dem Genossen nun Abstinenz zum politischen Betrieb verordnet: Zeit, zu sich zu kommen. Aber natürlich auch Zeit, um den Drogenskandal vergessen zu machen.

Doch noch ist es nicht so weit. Es gibt viele Ungereimtheiten in diesem Fall, die juristische Aufarbeitung ist offen. Bei der Generalstaatsanwaltschaft Berlin, die derzeit gegen Hartmann ermittelt, weiß man um die Brisanz des Falls. Ein Sprecher will weder Angaben dazu machen, wie lange die Ermittlungen noch andauern könnten, noch dazu, welches Strafmaß zu erwarten ist. Oder ob der SPD-Mann überhaupt angeklagt wird. Die Justizbehörden der Länder verfahren bei Drogenbesitz und -konsum durchaus unterschiedlich. In Berlin können die Strafbehörden beim Umgang mit Cannabis oder Marihuana bei bis zu zehn Gramm von einer Strafverfolgung absehen – für härtere Drogen wie Crystal Meth gilt dies allerdings nicht. Ob Hartmann ein Verfahren erwartet, „hängt jeweils vom Einzelfall ab und kann daher nicht pauschal beantwortet werden“, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Hartmanns politische Karriere hängt in der Luft.

Der Druck auf ihn muss gigantisch sein. Erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage, sieht es für ihn schlecht aus. Ein politischer Totalrückzug wäre kaum noch vermeidbar. Politische Weggefährten in Berlin hielten ein solches Karriere-Aus für einen schweren Schlag für den renommierten Innenpolitiker. Hartmann, seit 1983 Mitglied der SPD, hat ein Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und Völkerkunde an der Universität Mainz nicht beendet. Er war immer Politiker. „Es erhöht den Erfolgsdruck, wenn man kein anderes Standbein hat“, meint ein Kabinettsmitglied der CDU, das Hartmann als Kollegen schätzt.

Der Fall zeigt auch, dass an Politiker andere Maßstäbe angelegt werden als an „Normalbürger“. Natürlich hat auch Hartmann das Recht, öffentlich nur das preiszugeben, was die Öffentlichkeit zur Klärung des Falls erfahren muss. Andererseits: Ein Politiker, der Unklarheiten lässt, bleibt angreifbar.

Öffentlichen Rückhalt aus der Politik gibt es für Hartmann vorerst nur noch begrenzt. Seine Bundestagsfraktion nimmt Hartmanns Erklärungen und Entschuldigungen zur Kenntnis, mehr nicht. „Wir äußern uns nicht“, heißt es derzeit knapp aus der SPD-Fraktionspressestelle. Einzelne Abgeordnete hielten natürlich zu Hartmann Kontakt.

Derzeit ist er quasi auf Bewährung. Sein Drogengeständnis wiegt für die Genossen schwer genug. Rollt noch etwas nach, wird der innerparteiliche Solidaritätspakt gekündigt. Das wird er selbst wissen. Von daher steht die brisante Frage im Raum, ob man schon die ganze Wahrheit weiß. Ein Restzweifel bleibt. Zu abenteuerlich klingen die Erklärungen Hartmanns. Ist es realistisch, dass jemand Crystal Meth als Einstiegsdroge nimmt, quasi zum Probieren? Eine kristalline Variante des Methamphetamins, das durch die Nase gesnieft wird und rasend schnell süchtig macht? Dessen Basis aus Abflussreiniger, Batteriesäure oder Farbverdünner besteht?

Wer sich bei Therapeuten und Suchtberatern umhört, erfährt, dass Crystal Meth Schlafbedürfnis und Schmerzempfinden vertreibt, aufputscht, erregt, das Gefühl vermittelt, keine Grenzen mehr zu haben. Fällt einem Politiker im Koalitionsstress tatsächlich als Erstes Crystal Meth ein, das er sich dann in einer zwielichtigen Berliner Gartenlaube („Samoa“) besorgt?

Der Teufelsstoff, der aus unzähligen kleinen Giftküchen stammt, ist nicht nur eine berüchtigte Leistungs- und Partydroge. Sie scheint für großstädtische Hedonisten ebenso attraktiv wie für Fließbandarbeiter, die die immergleichen Handgriffe plötzlich nicht mehr als stumpfsinnig, sondern als befriedigend empfinden. Die Synthetikdroge, die verstärkt bei Schwulenpartys kursiert und sich jetzt mehr und mehr auch in anderen Milieus ausbreitet, gilt als vergleichsweise preiswert und hochgradig sexuell stimulierend. Aber eben auch als komplett zerstörerisch. Wenn die Droge mit ihren Konsumenten fertig ist, bleiben ausgebrannte menschliche Wracks zurück. Die große Party ist dann endgültig vorüber.

Und noch eine Merkwürdigkeit: Zu Beginn des Skandals hieß es, Hartmann habe im Herbst 2013 einmal ein Gramm Crystal Meth gekauft. Dann war von drei Gramm die Rede, zuletzt von drei Einkaufstouren und einer „geringen eigenverbrauchsüblichen Menge“. Drogenexperten geben an, dass ein risikofreudiger Erstkonsument maximal 70 bis 100 Milligramm pro Trip nimmt. Um allein ein Gramm in einem Monat aufzubrauchen, müsste man fast jeden zweiten Tag auf Crystal Meth sein.

Risikoverhalten macht stutzig

Schließlich macht Hartmanns Risikoverhalten stutzig. Als innenpolitischer Sprecher kannte er die fatale Wirkung dieses chemischen Hammers, als Mitglied des Geheimdienstausschusses wusste er um seine potenzielle Erpressbarkeit, als Kenner der Polizeiarbeit war ihm die Gefahr bekannt, selbst zum Gegenstand von Ermittlungen zu werden. Dennoch tauchte er ins Drogenmilieu ein. Mehr noch: Stimmen die bisherigen Berichte, orderte er den Stoff per Diensthandy und nutzte die Fahrbereitschaft des Bundestags, um zu jener Gartenlaube „Samoa“ zu kommen, die als Drogenumschlagsplatz diente. Der Suchtexperte und Mediziner Roland Härtel-Petri meint: „Wenn solche Risiken eingegangen werden, zeigt das nur, wie gierig Crystal Meth macht. So gierig, dass Menschen vollkommen leichtsinnig werden.“

Vergangene Woche ging in Berlin der Gerichtsprozess gegen die Drogendealerin Silke C. zu Ende, durch die die Ermittler überhaupt erst auf Hartmann aufmerksam geworden waren. Der Prozess warf ein Schlaglicht in eine harte Welt. Gewalt, psychische und finanzielle Probleme, Flucht in die Drogenszene, davon erzählte die labil auftretende Frau vor Gericht. Sie wurde zu drei Jahren Haft verurteilt.

Manche Bundestagsabgeordnete nennen das Berliner Regierungsviertel „eine Käseglocke“, dem wahren Leben fern. Zwischen Empfängen, Anzugträgern und Aktenordnern verliere man den Bezug zur Realität. Suchte Hartmann den krassen Gegensatz? Wie und warum der Politiker wirklich in Kontakt mit der Untergrundszene kam, bleibt rätselhaft.

Dietmar Brück, Rena Lehmann