Archivierter Artikel vom 15.10.2012, 14:58 Uhr

DDR-Rebell und Bundesbeauftragter: Roland Jahn will kein Stasi-Jäger sein

Roland Jahn wird oft gefragt, warum es seine Behörde 23 Jahre nach dem Fall der Mauer und 22 Jahre nach der Wiedervereinigung eigentlich noch gibt. Dann verweist der 59-jährige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen auf die Millionen von Einsicht-Anträgen und sagt: Menschen wollen ihre Schicksale ordnen. Unsere Berliner Korrespondentin Rena Lehmann hat Jahn einen Tag lang in Leipzig begleitet.

1983 wurde Roland Jahn aus der Haft in der DDR in einem Zug angekettet und in die BRD zwangsausgewiesen. Er hatte sich immer wieder gegen den sozialistischen Staat aufgelehnt. Heute will er als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde dazu beitragen, dass Bürger „sich ihre Freiheit nehmen“. In Leipzig an der Nikolaikirche erinnert er an die friedliche Revolution 1989.
1983 wurde Roland Jahn aus der Haft in der DDR in einem Zug angekettet und in die BRD zwangsausgewiesen. Er hatte sich immer wieder gegen den sozialistischen Staat aufgelehnt. Heute will er als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde dazu beitragen, dass Bürger „sich ihre Freiheit nehmen“. In Leipzig an der Nikolaikirche erinnert er an die friedliche Revolution 1989.
Foto: Lehmann/dpa

73 000 Bürger haben bisher allein in diesem Jahr noch Einsicht beantragt in jene Akten, die die staatlich beauftragten Spitzel der Staatssicherheit der DDR in oftmals absurd anmutender Präzision einst über sie anfertigten. 2,9 Millionen Anträge sind es seit 1989 insgesamt. Menschen wollen ihre Schicksale ordnen, wie Jahn sagt. Manchmal erst, wenn Angehörige verstorben sind, manchmal eben erst heute.

Jedes Jahr gedenken Tausende Leipziger am 9. Oktober bei einem Lichtfest der Demonstration von 1989, die das Ende der DDR einläutete.
Jedes Jahr gedenken Tausende Leipziger am 9. Oktober bei einem Lichtfest der Demonstration von 1989, die das Ende der DDR einläutete.

Er will mit der Aufklärungsarbeit der Stasi-Unterlagenbehörde aber auch die Erkenntnis in die Zukunft hinüberretten, dass man sich Freiheit nehmen muss, bis heute, immer wieder neu. Seine Aktenbehörde soll „Lernort für Demokratie“ sein. Doch der Dialog mit der jüngeren Generation ist ins Stocken geraten.

Die DDR erinnert viele Jugendliche in den neuen Bundesländern allenfalls noch an Trabis und den Mangel an Bananen. Es ist für sie das untergegangene Land ihrer Eltern. DDR gleich Vergangenheit, so oder ähnlich haben es viele von ihnen in Leipzig auf eine Tafel geschrieben. Roland Jahn ist heute Gast in der dortigen Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde. Jedes Jahr im Oktober kommt er in die symbolische Hauptstadt der friedlichen Revolution von 1989. Eine Routine des Gedenkens gibt es für ihn auch nach all den Jahren nicht, wie er sagt. Heute will er mit Jugendlichen diskutieren. Vor eineinhalb Jahren wählte der Deutsche Bundestag ihn ins Amt. Seither ist er unermüdlicher Vermittler. „Und kein Stasi-Jäger“, sagt er mit Nachdruck.

„Die Frage von Schuld wird immer mehr zu einer, die sich selbst in der Sache beantworten muss“, sagt er. Anmaßend sei es, jemandem vorzuhalten, er hätte sich anders verhalten müssen. Jeder Mensch müsste für sich selbst beantworten, ob er in seiner persönlichen Lebenssituation eine andere Wahl hatte. Konnte man von einer alleinerziehenden Mutter mit zwei Kindern erwarten, dass sie in die Opposition geht? Dass sie der Stasi bei einem Anwerbeversuch selbstbewusst die Nase vor der Tür zuschlägt?

„Es ist wichtig, dass Versöhnung möglich wird. Es ist wichtig, dass auch frühere Stasi-Leute eine Chance bekommen. Aber die Opfer können nur um Entschuldigung gebeten werden. Man kann sie nicht anordnen zu verzeihen.“

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn

Wichtig ist für Jahn, dass jeder sich den Fragen der Vergangenheit überhaupt stellt. „Nur so wird Versöhnung möglich“, ist er überzeugt. Manchmal klingt er eher wie ein Geistlicher denn ein Behördenleiter. Der frühere Rostocker Pfarrer und heutige Bundespräsident Joachim Gauck hat die Stasi-Unterlagenbehörde mitaufgebaut. „Ein großes Verdienst“, sagt Jahn anerkennend. Gauck kämpfte dafür, dass Bürger überhaupt Akteneinsicht erhalten. Anfang der 90er-Jahre waren die Wunden, die das SED-Regime hinterlassen hatte, noch frisch. Jahn muss das Amt im Jahr 2012 anders ausfüllen.

Eine schweigende Menge von etwa 200 Schülern sitzt vor dem Podium. Jahn und sein Freund Siegbert Schefke erzählen ihnen ihre eigene Geschichte. Jahn hat die Erfahrung gemacht, dass es so am besten gelingt, junge Leute für die Vergangenheit zu interessieren. Manchmal muss er dann in solchen Veranstaltungen erklären, dass DDR für Deutsche Demokratische Republik steht, für ein ehemals anderes Deutschland, einen untergegangenen Staat. Dass sich hinter dem Wort Stasi ein perfider Spitzelapparat verbarg, der Menschen systematisch unter Druck setzte, Familien und Biografien zerstörte. Von der DDR ist manchmal im wahrsten Sinne nichts geblieben.

Doch die Schüler werden aufmerksam, als sie beginnen, die Dimension der Geschichte von Jahn und Schefke zu begreifen. Jahn, der 1983 in einem Zug angekettet und in den Westen zwangsausgewiesen wurde, arbeitete 1989 im damaligen West-Berlin als Fernsehjournalist. Als die Montagsgebete zu immer größeren Demonstrationen werden, begreift er sofort, dass davon Bilder in den Westen gelangen und im Fernsehen gezeigt werden müssen. Seine Überlegung: Wenn die DDR-Bürger, von denen viele sich über West-Fernsehen informieren, die Bilder von den großen Demonstrationen in Leipzig sehen, dann verlieren sie ihre Angst und gehen ebenfalls auf die Straße gehen. Das Unglaubliche gelingt bei der Demonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig. Siegbert Schefke und sein Freund Aram Radomski kennen Jahn, der sie aus West-Berlin kontaktiert, nur vom Telefon. Am 9. Oktober, so haben es die Drei vereinbart, fahren Radomski und Schefke in ihrem Trabi von Ost-Berlin nach Leipzig, um dort heimlich die Demonstration am Abend zu filmen. In einer spektakulären Fluchtaktion über die Dächer von Berlin zu ihrem Auto gelingt es ihnen, die Stasi abzuschütteln. Sie schaffen es nach Leipzig, sie filmen die große Demonstration mit 70 000 Menschen. Und es gelingt, die Bilder am nächsten Tag mithilfe eines „Spiegel“-Korrespondenten zu Roland Jahn in den Sender nach West-Berlin zu schmuggeln.

Am 10. Oktober werden die Aufnahmen in den Nachrichtensendungen in ARD und ZDF gezeigt. Es ist ein entscheidender Schlag gegen die DDR-Staatsführung, die die Proteste nunmehr kaum noch kleinreden, geschweige denn gewaltsam niederschlagen kann. Es ist ein entscheidender Beitrag zum Fall der Mauer wenige Wochen danach.

„Man muss sich doch nicht Stunde um Stunde mit der DDR beschäftigen, um diese Gesellschaft zu verstehen.“ Eine Leipziger Schülerin der elften Klasse

Jahn und Schefke zeigen den Schülern Filmsequenzen, auf denen sie wenige Jahre älter sind als die Jugendlichen, die heute vor ihnen sitzen. In deren Blicken liegt jetzt Erstaunen, auch Bewunderung. Ob ihnen klar ist, was all das mit ihrem Leben zu tun hat, ist schwer zu sagen. Sie stellen keine Fragen. Roland Jahn will kein Missionar sein. Er hat heute sechs Termine in Leipzig, davon zwei längere Diskussionsrunden, das Mittagessen fällt aus, er wird erst gegen Mitternacht die Heimreise nach Berlin antreten. Auch die nächste Schülergruppe ist erst mal zurückhaltend. Jahn hört aufmerksam zu, als eine Jugendliche erklärt, sie erfahre sehr viel in der Schule, im Elternhaus aber würde das Thema DDR-Vergangenheit gar keine Rolle spielen. Ein anderer Schüler regt an, dass DDR-Geschichte auch im Internet in den sozialen Medien wie Facebook vermittelt werden müsste. „Die DDR ist nicht auf Facebook“, kritisiert er.

Wie kann man die Bedeutung der Ereignisse von damals in die neue Zeit hinüberretten? Diese Frage treibt Roland Jahn um. Am Abend des 9. Oktobers 2012 steht er mit seinem Freund Siegbert Schefke mit vielen Tausenden Leipzigern auf dem Augustusplatz. Seit 1989 kehren die Leipziger jedes Jahr zum Jahrestag hierher zum Gedenken zurück. Als eine Familie mit ihren Kindern vorbeigeht, sagt er: „Das ist es doch, darum geht es, dass sie gemeinsam hierherkommen.“ Und das stimmt ihn sehr zuversichtlich.