Archivierter Artikel vom 03.05.2010, 06:07 Uhr

Das „Restrisiko“ hat zugeschlagen

Auch von dieser Bohrinsel hieß es, sie könne weder explodieren noch sinken. Aber: Sie ist explodiert und gesunken. Sollte der undenkbare Fall eintreten, hieß es, würde eine narrensichere Technik das Bohrloch verschließen. Aber: Diese Technik hat versagt. Kurzum: Es liegt ein angeblich völlig unmögliches Unglück vor.

Unaufhaltsame Umweltgefahr: Auf dem Satellitenfoto der Nasa sieht der weiß eingefärbte Ölteppich, der auf die Küste Louisianas treibt, wie ein Wirbelsturm aus. Doch diese von Menschen gemachte Naturkatastrophe dürfte noch schlimmere Folgen als der Hurrikan "Katrina" haben.
Unaufhaltsame Umweltgefahr: Auf dem Satellitenfoto der Nasa sieht der weiß eingefärbte Ölteppich, der auf die Küste Louisianas treibt, wie ein Wirbelsturm aus. Doch diese von Menschen gemachte Naturkatastrophe dürfte noch schlimmere Folgen als der Hurrikan „Katrina“ haben.

Ist das nur eine einmalige Verkettung unglücklicher Umstände? Mitnichten! Wir haben es mit einem jener Momente zu tun, die dem globalen Ölsystem ebenso als statistische Wahrscheinlichkeit innewohnen wie dem Kernkraftwerkspark oder dem Straßenverkehr. Nur dass Verkehrsunfälle zwar häufiger sind, aber stets bloß ein paar Leute betreffen.

„Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd“ ich nun nicht los„ , jammert Goethes Zauberlehrling, als er in maßloser Selbstüberschätzung entfesselte Mächte nicht mehr zu bändigen vermag. Trotz aller Beschwernisse hatte der Vulkanausbruch neulich auf Island eine angenehme Seite: Kein Mensch war schuld, die Natur rülpste aus eigenem Antrieb. Anders nun diese Ölkatastrophe: Die Zauberlehrlinge spielen mit Kräften, die sie nicht wirklich beherrschen; auszubaden hat das zuvorderst die Natur.

Immerhin liefert das menschengemachte Fiasko sogleich das Lehrstück mit, wonach Technik uns keineswegs von der Natur unabhängig macht: Mit der Verschmutzung der Umwelt durchs Öl rückt der Kollaps von Fischerei und Tourismus in der betroffenen US-Region heran.

Man kann es sich einfach machen und dieses Unglück wie andere zuvor fatalistisch unter den Rubriken “Restrisiko„ oder “Preis für den Wohlstand" verbuchen. Dann soll man aber ehrlicherweise auch dazusagen, dass Restrisiko und Preis ständig steigen. Warum? Weil Tausende von Bohrinseln, Förderanlagen, Pump- und Pipelinesystemen, Tankschiffen rund um den Erdball nicht jünger werden, aber im Dienst bleiben, solange sie Profit abwerfen. Weil wegen des anhaltend wachsenden Ölbedarfs die Beanspruchung von Technik und Bedienpersonal zunimmt. Weil die Zahl der Bohr-, Förder- und Transportanlagen wächst und sich ihre Arbeit wegen knapper werdenden sowie schwieriger auszubeutenden Lagern verkompliziert. Weil sich zugleich der Renditedruck auf das globale System der Brennstoffbeschaffung fortlaufend erhöht.

Diese Ölkatastrophe stößt uns mal wieder auf den Umstand, dass Verbrennungstechnik nicht nur durch Abgase existenzielle Probleme schafft (siehe Klimawandel). Vielmehr verursachen schon Bergung und Transport des Brennstoffes permanent Gefährdungen der Umwelt. Ein Grund mehr, endlich Abschied zu nehmen von der Vorherrschaft einer Energiebewirtschaftung, die nicht mit der Natur harmoniert.

Das ergibt auch volkswirtschaftlich Sinn, wenn man denn richtig rechnet. Würden alle Kosten, die das Primat von Öl, Gas und Kohle durch direkte, indirekte und nachfolgende Umweltschädigungen verursacht, beim Brennstoffhandel ehrlich ausgepreist: Die Welt würde sehr schnell die Vorherrschaft der Verbrennungstechnik abstreifen. So aber bleibt der tatsächliche Preis des Brennstoffs unsichtbar, weil die Allgemeinheit ihn indirekt mit Abermilliarden subventioniert; respektive noch unsere Kindeskinder ihn rückwirkend werden subventionieren müssen. Ein paar Hundert Millionen Dollar, die BP womöglich für die Bekämpfung der jetzigen Katastrophe abdrücken muss, sind da nur Peanuts.


Von unserem Autor Andreas Pecht