Archivierter Artikel vom 28.09.2010, 20:00 Uhr

Das Buback-Attentat – auf ewig ungeklärt?

War es Verena Becker? Oder Stefan Wisniewski? Oder doch ein ganz anderer RAF-Terrorist? Ein neuer Prozess soll endlich klären, wer 1977 Siegfried Buback getötet hat. Kurz vor dem Prozess um die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback geht das Verwirrspiel um die unmittelbaren Täter des Anschlags weiter.

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Am 7. April 1977 wurden Michael Buback und seine beiden Begleiter, Georg Wurster und Wolfgang Göbel, von RAF-Terroristen erschossen. Die Frage nach dem Täter wird jetzt neu gestellt.<br />
Am 7. April 1977 wurden Michael Buback und seine beiden Begleiter, Georg Wurster und Wolfgang Göbel, von RAF-Terroristen erschossen. Die Frage nach dem Täter wird jetzt neu gestellt.
Foto: dpa/jo (m)

Stuttgart-Stammheim – War es Verena Becker? Oder Stefan Wisniewski? Oder doch ein ganz anderer RAF-Terrorist? Ein neuer Prozess soll endlich klären, wer 1977 Siegfried Buback getötet hat.

Kurz vor dem Prozess um die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback geht das Verwirrspiel um die unmittelbaren Täter des Anschlags weiter. „Spiegel Online“ meldete, dass zwei ehemalige RAF-Mitglieder Stefan Wisniewski als Todesschützen genannt hätten. Nur wenige Stunden später lässt die Ex-Terroristin Silke Maier-Witt ihre angebliche Behauptung dementieren. Unterdessen bestätigt sich die Vermutung, dass Verena Becker begnadigt wurde, weil sie mit dem Verfassungsschutz zusammengearbeitet hatte.

Das Attentat: Zwei Mitglieder des Mordkommandos hatten Bubacks Wagen am 7. April 1977 auf einem Motorrad aufgelauert. Der Soziusfahrer feuerte mit einem Selbstladegewehr in den Mercedes. Ein drittes Kommandomitglied holte die beiden mit einem Fluchtauto ab.

Version 1: Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft waren drei RAF-Mitglieder unmittelbar am Anschlag beteiligt – und zwar Knut Folkerts, Christian Klar und Günter Sonnenberg. Folkerts und Klar wurden verurteilt. Sie sollen entweder das Fluchtauto gefahren oder auf dem Motorrad gesessen haben. Das Verfahren gegen Sonnenberg wurde eingestellt, weil er als verhandlungsunfähig galt.

Version 2: Auf dem Soziussitz des Motorrads saß als Schütze nicht Folkerts, sondern Stefan Wisniewski. So hatte es Verena Becker bereits 1981 in geheimen Vernehmungen dem Verfassungsschutz erzählt. Auch Ex-RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock hat seit 2007 wiederholt gesagt, dass Wisniewski geschossen habe. Dies hat Boock nun im Interview mit „Spiegel TV“ wiederholt. Neu ist, dass auch Silke Maier-Witt von „Spiegel Online“ mit der Aussage zitiert wurde, Wisniewski habe geschossen. Das jedoch ließ sie umgehend in der „Welt“ widerrufen. Gegen Wisniewski wird weiter ermittelt.

Version 3: Auf dem Motorrad-Rücksitz saßen weder Folkerts noch Wisniewski, sondern dort saß Verena Becker selbst. Das glaubt der Sohn des Ermordeten, Michael Buback. Er meint, dass Becker geschützt wurde, weil sie bereits vor dem Mordanschlag mit Geheimdiensten kooperiert habe.

Ein anonymer Informant: Offenbar hat Becker im Jahr 1981 tatsächlich umfangreiche Aussagen und damit ihre spätere Begnadigung erreicht. „Es ging ihr gesundheitlich nicht gut, und sie wollte bessere Haftbedingungen“, sagte eine anonyme Quelle aus Sicherheitskreisen. „Sie war sich bewusst, dass sie Sachen preisgeben musste, um früher aus der Haft zu kommen.“

Jedoch habe es vor 1977 keine Zusammenarbeit Beckers mit Geheimdiensten gegeben. So steht es auch in zwei Behördenzeugnissen des Bundesamts für Verfassungsschutz. Das widerspricht der These, dass Becker aufgrund einer Zusammenarbeit mit Geheimdiensten von Anfang an geschützt worden sei. „Während der aktiven Zeit vor der Inhaftierung gab es null Zusammenarbeit und keine Kontakte“, sagt der Informant.

Unergiebige Kooperation

Becker sei in den Gesprächen nicht sehr kooperativ gewesen, berichtet die Quelle: „Teilweise hat sie sich mit den Ermittlern angeschrien.“ Auch habe Becker nicht wie erhofft Informationen über geplante Anschläge geliefert. Dennoch wurde Becker 1989 begnadigt. „Die Kooperation hat den Ausschlag für die Begnadigung gegeben.“

Weitere Recherchen: Der „Spiegel“ berichtet von Verfassungsschutzvermerken, wonach Becker zur Zeit des Anschlags im Irak war. Dies könnte gegen die These der Anklage sprechen, wonach sie bei der Planung und Organisation eine wesentliche Rolle spielte. Die Information in den Vermerken stammt allerdings von Becker selbst. „Ihre Aussage ist durch nichts belegt“, sagt die Quelle aus Sicherheitskreisen.

Wo aber war Verena Becker wirklich? Und wer saß auf dem Motorrad? Bringt der morgen beginnende Prozess in Stuttgart-Stammheim endlich Klarheit in den Mordfall?

J. Neumeyer/T. Bojic (dpa)