Archivierter Artikel vom 16.07.2010, 07:57 Uhr

Chinas Wirtschaftsmotor treibt die Welt an

Zum vierten Mal in ihrer Amtszeit besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel derzeit China. Dabei geht es vor allem um Wirtschaftsthemen. Doch wie stark ist das Reich der Mitte wirklich?

Chinas Wirtschaftsmotor treibt die Welt an
Die Finanzkrise hat China vergleichsweise gut überstanden – vor allem weil das Reich der Mitte seine Industrie mit einem gigantischen Konjunkturpaket gestützt hat.
Foto: dpa

Zum vierten Mal in ihrer Amtszeit besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel derzeit China. Dabei geht es vor allem um Wirtschaftsthemen. Doch wie stark ist das Reich der Mitte wirklich?

Der Motor hat nachgelassen, doch China zieht die Weltwirtschaft noch immer mit beachtlichem Tempo hinter sich her. Mal mit Begeisterung, mal mit Sorge blickt deshalb alles auf das Reich der Mitte – es gibt also gute Gründe für den Besuch von Kanzlerin Angela Merkel. Noch vor Monaten war die Angst groß, die chinesische Konjunktur könnte heißlaufen und wie eine Blase zerplatzen. Nun sieht es zunächst einmal danach aus, dass der kleine Dämpfer durch die globale Finanzkrise dem Land ganz gut tun könnte. Auch aus deutscher Sicht hängt davon einiges ab (siehe Text unten).

Um die Bedeutung der rasanten Entwicklung der mittlerweile zweitgrößten Volkswirtschaft gerade für Europa zu verstehen, muss man sich klarmachen: Ein Viertel des globalen Wachstums (Experten rechnen im Schnitt mit 4,5 Prozent) dürfte in diesem Jahr allein aus China kommen. Im Vergleich dazu nimmt sich der Beitrag der Euro-Zone mit erwarteten 0,1 Prozentpunkten beinahe kümmerlich aus. Die Regierung in Peking rechnet derzeit vorsichtig mit 8 Prozent Wachstum beim Bruttoinlandsprodukt gegenüber 9,1 Prozent im Krisenjahr 2009. Viele Wirtschaftsforscher erwarten jedoch erneut eher einen Zuwachs von 9 bis 10 Prozent. Zum Vergleich: Für Deutschland rechnet die Bundesregierung mit 1,4 Prozent Wachstum, vielleicht etwas mehr.

Riesiges Konjunkturpaket

Gegen die Bremswirkung der globalen Krise, die selbstverständlich auch China getroffen hat, ist Peking mit einem gigantischen Konjunkturpaket vorgegangen: Umgerechnet 400 Milliarden Euro pumpte der Staat vor allem in Infrastrukturinvestitionen wie Straßen- und Schienennetze, Flughäfen und Sportstätten – ganz gleich, ob sie gebraucht wurden oder nicht. Hinzu kamen Anreize für den Autokauf und andere Waren. Doch das war alles nichts gegen die umgerechnet fast 1000 Milliarden Euro, die von den Banken an Krediten unters Volk gebracht wurden.

Das Wachstum in China also nur auf Pump? Der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds Kenneth Rogoff hat kürzlich davor gewarnt, dass der Immobilienmarkt zusammenbrechen könnte, weil das Baugewerbe durch Spekulationen mit billigem Geld aufgebläht ist. Nur wenige Beobachter teilen seine Meinung, auch weil China noch immer über gewaltige Devisenreserven von etwa zweieinhalb Billionen US-Dollar verfügt. Da vor allem die Exportwirtschaft im Reich der Mitte blüht – zulasten der USA –, dürfte sich daran auch in naher Zukunft wenig ändern. Viele Länder werfen China in diesem Zusammenhang auch vor, den Kurs seiner Währung künstlich niedrig zu halten, um damit seine Waren auf dem Weltmarkt billiger anbieten zu können. Zwar ist die Währungspolitik gelockert worden, mit einer baldigen Aufwertung des Yuan rechnet jedoch niemand.

Abhängigkeit nimmt zu

In diesen Krisenzeiten wird nun also deutlich, wie sehr die Welt bereits von China abhängig ist. Während etwa die europäischen Staaten Defizite anhäufen, kommt frisches Kapital in dieser Lage fast zwangsläufig aus der Volksrepublik. So erscheint es auch logisch, dass die Chinesen schon zu Beginn der Finanzkrise ihre Investitionen im Ausland massiv erhöht haben. Strategisch geht es ihnen dabei in erster Linie um die Sicherung der Rohstoffversorgung der hungrigen Industriemaschine, aber auch um Schlüsseltechnologien etwa im Energiesektor oder Vertriebsnetze für die eigenen Produkte. So dürfte es auch niemanden wundern, wenn chinesischen Staatskonzernen großes Interesse unterstellt wird, sollte der angeschlagene britische Ölkonzern BP zerschlagen werden müssen oder zum Verkauf stehen.

Vor dem Hintergrund der Krise wehren sich die Europäer längst nicht mehr so vehement gegen ausländisches Kapital in wichtigen Industriezweigen – auch auf China gehen sie zu, allen voran Griechenland. Die Kanzlerin vertrat lange Zeit eine Linie, die strikt gegen das Einkaufen gerade asiatischer Staaten in deutsche Kernindustrien stand. Bei ihrem Besuch in Peking wirbt sie nun auch für chinesische Investitionen in Europa. Das aufstrebende Reich der Mitte ist eben mehr denn je Fluch und Segen zugleich.

Von unserem Redakteur Carsten Luther