Archivierter Artikel vom 16.04.2014, 06:00 Uhr

Charlie Chaplin: Der Tramp wurde der erste Filmstar

Im März 1978 kam es am Genfer See zu einer Entführung. 600 000 Franken forderten die Verbrecher, dann würden sie ihr Opfer wiederbringen – tot. Das war der Mann allerdings schon zuvor, denn die beiden Arbeitslosen hatten die vielleicht berühmteste Leiche der Welt gestohlen: Charlie Chaplin war zwei Monate nach seinem Tod Gegenstand einer Groteske, die aus einem seiner späten Filme stammen könnte.

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Dabei war das Leben des ersten Weltstars der Kinogeschichte, der heute 125 Jahre alt geworden wäre, bewegt genug.

Sein wirklicher Name Charles Spencer Chaplin klingt zwar elegant, doch nicht einmal der Geburtsort ist sicher. In den meisten Biografien steht London, eine Geburtsurkunde fand aber nicht einmal der Geheimdienst. Charlie Chaplin war überall zu Hause, weil er aus dem Nichts kam, schreibt der Biograf der jüngsten Biografie, der Brite Peter Ackroyd.

Der kleine Charlie war bettelarm, die Mutter psychisch krank, der Vater trank sich zu Tode – aber sie hatten eine kleine Bühne. Seinen ersten Auftritt hatte Charlie mit fünf. Hollywood war damals nur ein staubiger Vorort von Los Angeles, aber dort wurden Filme gemacht. Besser gesagt Filmchen, nur ein paar Minuten lang, mit ewig gleicher Handlung. Dazu gehörte eine Truppe Polizisten, die auf alles mit ihren Schlagstöcken eindrosch und so dem Genre den Namen gaben: Slapstick.

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Vagabund mit Stock und Melone

1913 engagierte ihn während einer Tournee in den USA der Produzent und Filmpionier Mack Sennett für seine Keystone-Studios. Die Legende besagt, dass wenige Zeit später aus dem Kostümfundus dieses Studios die Tramp-Figur entworfen wurde: Die zu kleine Jacke stamme vom Schauspielkollegen Charles Avery und die zu große Hose vom Komikerkonkurrenten Fatty Arbuckle. In seinem zweiten Film spielte Chaplin einen Vagabunden mit zu großen Hosen, ausgebeulten Schuhen, Melone, Bärtchen und Stock – Charlie Chaplin war geboren.

„Der Spazierstock steht für die Würde des Menschen“, sagte Chaplin einmal, „der Schnurrbart für die Eitelkeit und die ausgelatschten Schuhe für die Sorgen“. Bald übernahm er auch die Regie und lieferte mit „The Tramp“ (Der Tramp) 1915 sein erstes Meisterwerk ab. Der Erfolg war grenzenlos.

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Chaplin hat den Film als eigene Kunstform im Bewusstsein der Menschen verankert. Unvergessen der „Brötchentanz“ aus „Goldrausch“, in dem er als Tramp zwei auf Gabeln aufgespießte Brötchen auf dem Tisch tanzen lässt. Die Verfolgungsjagd über die Dächer aus „The Kid“ und vor allem die Fließbandszene in „Moderne Zeiten“ (1936) sind legendär: Dem immer schneller werdenden Rhythmus kommt der Tramp als Arbeiter nicht mehr hinterher, er gerät ins Räderwerk der Fabrik und kann dennoch mit dem Schraubenanziehen gar nicht mehr aufhören. Bei Chaplin war der Stummfilm nie nur das Erzählen in Bildern ohne Ton.

Der einst bitterarme Engländer wurde zu Hollywoods erstem Weltstar. Sein Erfolgsrezept: In seinen Filmen war Chaplin, zumindest nach einem holprigen Anfang, immer der Gute, der Nette, der Kleine, der sich trotzdem nicht unterkriegen ließ. Zum Schluss hat er nichts, nur seine Würde.

Mit „Der Zirkus“, „Lichter der Großstadt“ und „Moderne Zeiten“ drehte er drei Filme hintereinander, die viele Kritiker zu den größten Werken der Filmgeschichte zählen. Es waren noch Stummfilme, als die Welt schon nach „Talkies“ schrie. Als Chaplin selbst einen Tonfilm machte, gelang ihm mit „Der große Diktator“ eine der brillantesten Filmsatiren der Kinogeschichte. Aber auch in diesem Tonfilm gibt es nur sparsam eingesetzte Dialoge – wie etwa die berühmten, pseudodeutschen Reden des Adenoid Hynkel, die irgendwie alle auf Sauerkraut enden. Die Haupthandlung des Films aber liegt immer noch in Aktionen, wie man sie aus dem Stummfilm kennt. Dazu gehört das Friseurstuhlduell zwischen Hynkel, dem Diktator Tomaniens, und Benzini Napaloni, dem Diktator Bakterias.

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Die Nazis verunglimpften Chaplin als Jude. Stimmte zwar nicht, aber Chaplin ließ es sowieso kalt. Er war mit den Filmen beschäftigt, bei denen er inzwischen alles war: Darsteller, Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, sogar die Musik komponierte er selbst. Noch zwei Filme folgten bis 1952 – den letzten in den USA.

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Hang zu sehr jungen Frauen

Denn dort wurde der Brite misstrauisch beäugt. Zum einen weigerte er sich, Kommunisten zu boykottieren. Zum anderen hatte er einen Hang zu jungen, sehr jungen Frauen. Die ersten beiden waren 16, als er sie heiratete – mehr aus Not, um einem Skandal zu entgehen. Bei seiner vierten und letzten Ehe war er 54. Bei Oona, Tochter des Literaturnobelpreisträgers Eugene O'Neill, qualmten fast noch die Kerzen auf der Torte zu ihrem 18. Geburtstag.

Als Chaplin in Europa war, ließ ihm das FBI die Rückkehr versperren. Chaplin rächte sich als Chaplin: In „Ein König in New York“ wird er, als europäischer Ex-Monarch, vor den Senat in Washington geladen. Doch Chaplin, tollpatschig wie einst Charlie, verheddert sich in einem Feuerwehrschlauch und spritzt die Politiker zur Tür hinaus. Der Film von 1957 wurde auch in den USA gezeigt. Allerdings erst 1973.

Da hatte Chaplin gerade seinen zweiten Ehren-Oscar abgeholt. Doch der alte Mann konnte kaum noch laufen. Die letzten Jahre verbrachte er am Genfer See. Am ersten Weihnachtstag 1977 erschütterte die Nachricht von seinem Tod die Welt. 35 Jahre später wurden zwei Requisiten in Los Angeles für 50 000 Euro versteigert. Es waren ein Hut und ein Stock, die der kleine Tramp in „Moderne Zeiten“ getragen hatte.

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