Archivierter Artikel vom 23.12.2015, 18:33 Uhr
Kastellaun

Bürokratie lässt Flüchtlinge verzweifeln

Die Geschichte des Syrers Saad Alismail ist die Geschichte einer Flucht. Es ist die Geschichte eines Vaters, der um seine Familie bangt. Und es ist die Geschichte einer Bürokratie, die zur unüberwindbaren Hürde werden kann. Seit Monaten hofft der im Hunsrück lebende anerkannte Flüchtling darauf, dass ihm seine Frau mit den drei kleinen Kindern im Rahmen des Familiennachzugs nach Deutschland folgen kann. Das Verfahren läuft seit einem Jahr, und die Geschichte von Saad Alismail droht verheerend zu enden.

Lesezeit: 4 Minuten

Hoffen auf ein Wiedersehen: Der in Kastellaun im Hunsrück als anerkannter Flüchtling lebender Syrer Saad Alismail wartet darauf, dass seine drei kleinen Kinder und seine Frau aus der Türkei nach Deutschland kommen dürfen. Ehrenamtliche Helfer versuchen dem Familienvater zu helfen.

Werner Dupuis (2), privat

Hoffen auf ein Wiedersehen: Der in Kastellaun im Hunsrück als anerkannter Flüchtling lebender Syrer Saad Alismail wartet darauf, dass seine drei kleinen Kinder und seine Frau aus der Türkei nach Deutschland kommen dürfen. Ehrenamtliche Helfer versuchen dem Familienvater zu helfen.

Werner Dupuis (2), privat

Hoffen auf ein Wiedersehen: Der in Kastellaun im Hunsrück als anerkannter Flüchtling lebender Syrer Saad Alismail wartet darauf, dass seine drei kleinen Kinder und seine Frau aus der Türkei nach Deutschland kommen dürfen. Ehrenamtliche Helfer versuchen dem Familienvater zu helfen.

Werner Dupuis (2), privat

Von unserem Chefreporter Volker Boch

Dieser Dezemberabend ist ungewöhnlich mild. Während Einkaufstreiben die Geschäfte der Kleinstadt Kastellaun erfüllt, sitzt Saad Alismail auf einem alten Sessel in einer karg eingerichteten Wohnung und wartet auf Nachrichten. Die Freude ist aus dem Gesicht mit den wachen Augen gewichen. Im September 2014 ist der Syrer im Hunsrück angekommen, nach einer dramatischen Flucht aus Aleppo. Auf seinem Weg durch Algerien und Libyen übers Meer nach Italien und weiter nach Deutschland sei ihm der Tod immer wieder begegnet, sagt er. Auf dem Boot, auf dem Meer, habe jeder gewusst, dass die Chancen 50:50 stehen, diese Reise zu überleben, die Flucht aus der Hölle.

Ein Jahr wartet Alismail schon auf seine Familie

Alismail hat die Hoffnung angetrieben, die Flucht nach Europa zu schaffen und dann seine junge Familie nachzuholen. So oft er mit den Ehrenamtlichen über die schwierige Trennung von seinem knapp zwei Jahre alten Sohn Ahmed, seinen Töchtern Sara (5) und Shaimaa (8) sowie seiner Frau Rawda gesprochen hat, so sicher war der heute 38-Jährige, dass sie sich bald wiedersehen würden. Am 22. Dezember 2014 hat er bei der Ausländerbehörde des Rhein-Hunsrück-Kreises einen Antrag auf die Zusammenführung der Familie gestellt. Dort bestanden wohl von Anfang an wenige Zweifel, dass es sich bei den drei Kindern und der Frau um die engsten Angehörigen von Saad Alismail handelt – Fotos zeigen starke Ähnlichkeiten zu den Kindern. Ein Jahr später stellt sich heraus, dass eine solche ordnungsgemäße Antragstellung zur Odyssee werden kann, sobald es im Verfahren einmal hakt. Das Auswärtige Amt verweist bei einer Anfrage unserer Zeitung auf das Konsularrecht, das eine nötige Legalisation persönlicher Dokumente vorsieht. Diese muss der Antragsteller „beibringen“.

Seine Familie sitzt in der Türkei fest

Seit einem Jahr kämpft Saad Alismail um den Familiennachzug, der nach der Genfer Flüchtlingskonvention eigentlich unproblematisch sein sollte. Denn es handelt sich bei ihm um einen Flüchtling, dessen Anerkennung lange abgeschlossen ist. Bereits seit August sitzt Alismails Frau nun allerdings mit den Kindern in der Türkei fest, nachdem ein erster Visatermin beim Deutschen Generalkonsulat in Istanbul gründlich gescheitert ist. Mit jedem Tag, der vergeht, drängt die Zeit mehr.

„Es hat in der Türkei angefangen zu schneien“, sagt Alismail, der zuvor so ruhig von seinem Weg auch durch die deutsche Bürokratie berichtet hat. Seine Stimme wird zum ersten Mal energisch. Er hat an die Demokratie und an den legalen Weg des Familiennachzugs geglaubt. Jetzt herrscht Niedergeschlagenheit angesichts einer Bürokratie, die Humanität in der Praxis offensichtlich häufiger fehlen lässt. Laut Auswärtigem Amt in Berlin werden in den Fällen syrischer Familien Anträge zum Familiennachzug nur im Promillebereich abgelehnt. Der Fall der Familie Alismail ist einer davon.

Nachdem beim Visatermin der Familie im August in Istanbul Beglaubigungen der persönlichen Dokumente fehlten, ist vieles schief gegangen. Nähere Angaben zum laufenden Verfahren kann das Auswärtige Amt aus Datenschutzgründen nicht machen.

Frau und Kunder frieren

Saad Alismail könnte ein gutes Beispiel für Integration sein. Der syrische Mathematiklehrer ist in einem Integrationskurs, hat 1,05- und 450-Euro-Jobs angenommen und spricht bereits ein wenig Deutsch. Die Hoffnung, dass sein Universitätsabschluss aus Aleppo in Deutschland anerkannt wird, hat er aufgegeben. Aber er denkt an eine Lehre als Elektriker, um schnell in einen soliden Beruf zu finden, der eine Familie ernähren kann. Seit Wochen beherrscht nun jedoch die Sorge um die Familie den Tagesablauf. Eine Angst, die alles lähmt. „Sie haben keine warmen Kleider und keine richtigen Decken“, sagt er, „es gibt keine Heizung gegen die Kälte in der Nacht.“ Weil das Geld in den Monaten des Wartens auf ein Visum ausgegangen ist, hat seine Frau mit den drei kleinen Kindern in den letzten Wochen vor allem von dem gelebt, was ihnen andere Menschen in der Türkei gespendet haben.

Saad Alismail beschreibt, wie sich seine Familie in der Türkei mit Betteln über Wasser hält. Er hat Angst, dass sie es nicht schafft, so lange am Leben zu bleiben, bis dem Antrag auf Familiennachzug stattgegeben wird. Allerdings müssen Antragsteller derzeit in Istanbul mit Wartezeiten von mehr als einem Jahr rechnen. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ dieser Tage berichtete, starb im Sommer eine junge Syrerin in einem ähnlich dramatischen Fall auch deshalb, weil die Behörden den Antrag innerhalb eines Zeitraums von mehr als einem Jahr nicht bearbeiteten.

Noch ist das Verfahren des Familiennachzugs der Familie Alismail nicht abgeschlossen, auch die Ausländerbehörde des Rhein-Hunsrück-Kreises will unterstützen. Bei den Betroffenen von offensichtlichen Härtefällen wie diesem herrscht Angst. Es ist die Sorge, dass die Bürokratie Notlagen erst erkennt, wenn es zu spät ist.