Archivierter Artikel vom 24.10.2014, 06:03 Uhr

Bürgerbewegung in der DDR: Die vergessenen Helden der Revolution

War es tatsächlich das Volk auf der Straße, das die Friedliche Revolution in der DDR möglich machte? Erst gerade wieder werden daran Zweifel geäußert. Altkanzler Helmut Kohl (CDU) soll rückblickend zu Protokoll gegeben haben, dass das Ende der DDR auf der Straße entschieden worden sei, wäre lediglich „dem Volkshochschulhirn“ des SPD-Politikers Wolfgang Thierse entsprungen.

Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann

In Wahrheit ging es laut Kohl vor allem ums Geld. Sowjetchef Michail Gorbatschow hätte durchblicken lassen, dass es für die DDR „kein Bimbes mehr“ gebe. „Macht, was ihr wollt“, soll Gorbatschow gesagt haben – und ließ damit die DDR buchstäblich fallen. Für die Bürgerrechtler des Herbstes 1989 sind solche Worte ein Schlag ins Gesicht.

Der Sturz des SED-Regimes nur logische Folge einer Staatspleite? Vieles spricht stattdessen dafür, dass die Konstellation mehrerer Ereignisse 1989 ermöglichte, dass die Mauer und damit wenig später das SED-Regime in der DDR fiel. Rückblickend ist es faszinierend, dass die Staatssicherheit der DDR gerade einmal 500 Personen als Oppositionelle einstufte, davon lediglich 200 als harte, politisch aktive Gegner des Regimes. Im Herbst '89 aber gingen plötzlich Zehntausende DDR-Bürger auf die Straße. Wenige Monate zuvor noch wäre das undenkbar gewesen.

Eine revolutionäre Seite Text

Doch der Protest wurde vom Regime verschwiegen und kleingeredet. Die ersten Montagsdemonstrationen hatten bereits stattgefunden, da erkannten mehrere Regimegegner, dass ihre Stunde gekommen war und der Protest ein offizielles Sprachrohr brauchte. Bärbel Bohley, die sich seit Langem in der Friedensbewegung der DDR engagiert, Katja Havemann, Ehefrau des jahrelang unter Hausarrest stehenden Regimekritikers Robert Havemann, der Rechtsanwalt Rolf Henrich, der Molekularbiologe Jens Reich, der Physiker Sebastian Pflugbeil und andere gründen am 9. September in Berlin das Neue Forum.

Pflugbeil erinnert sich: „Da wurden 30 Leute handverlesen zusammengetrommelt, aus verschiedenen sozialen Schichten, aus verschiedenen Bezirken, damit das so einigermaßen repräsentativ war. Und dann entstand eine Seite Text, mit der Schreibmaschine abgetippt, an ein paar Freunde verschickt.“ Der Text verbreitet sich in Windeseile und bringt eine Lawine ins Rollen. „In unserem Land ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört“, beginnt das Schreiben, das mit „Aufbruch 89 – Neues Forum“ überschrieben ist. Es ist keine Kampfansage an die Machthaber, im Gegenteil: Es ist das Angebot besorgter Bürger, über die Probleme im Land du diskutieren.

„Die gestörte Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft lähmt die schöpferischen Potenzen unserer Gesellschaft und behindert die Lösung der anstehenden lokalen und globalen Aufgaben. Wir verzetteln uns in übelgelaunter Passivität und hätten doch Wichtigeres zu tun für unser Leben, unser Land und die Menschheit“, heißt es. Die Bürgerrechtler wünschen sich „wirtschaftliche Initiative, aber keine Entartung in eine Ellenbogengesellschaft“. Man fordert einen „demokratischen Dialog“, um das Land zu verbessern, nicht um es in seiner Existenz infrage zu stellen. Die Gründer des Bündnisses agieren vorsichtig wie klug.

Bürgerrechtler haben Rückenwind

Zehn Tage nach der Gründung in Berlin beantragen sie beim Innenministerium der DDR, das Neue Forum als offizielle Vereinigung zuzulassen. Das Nein der Staatsführung, die das Bündnis als „staatsfeindliche Plattform“ begreift, lässt sie nicht zurückschrecken. Zur Erinnerung: Zu dieser Zeit versuchen bereits Zehntausende DDR-Bürger die Flucht über Ungarn, das Regime steht unter Druck wie nie zuvor. Das macht die Protestler mutig. Auf den Demonstrationen in Leipzig und andernorts wird jetzt offen gefordert, das Neue Forum zuzulassen. „Das hat uns sehr berührt. Das war ja nicht inszeniert“, sagt Pflugbeil später in einem Interview. Am 8. November 1989, einen Tag vor Öffnung der Mauer, wird das „Neue Forum“ zugelassen – und in der DDR beginnt eine besondere Zeit der offenen politischen Debatte.

Doch die Bürgerrechtler werden schnell von den Ereignissen überrollt. Bei der ersten freien und zugleich letzten Wahl zur Volkskammer der DDR im Frühjahr 1990 treten die Bürgerbewegungen gemeinsam als „Bündnis 90“ an, kommen aber nur noch auf 3 Prozent. Sie haben ihren Zweck erfüllt: Erstmals haben die Bürger der DDR die Wahl zwischen 23 verschiedenen Parteien und Programmen. Viele Aktive von damals sind enttäuscht, dass „der Geist von '89“ so schnell wieder verschwindet. Bärbel Bohley hat später offenbar ihren Frieden mit dem Bedeutungsverlust des Neuen Forums gemacht: „Eine Bewegung erweist sich als erfolgreich, wenn sie zerfällt“, sagte sie einmal.