Archivierter Artikel vom 24.10.2014, 06:03 Uhr

Bürgerbewegung in der DDR: Die Begründer des Neuen Forums

Vor 20 Jahren waren sie Helden, inzwischen sind viele von ihnen vergessen: Die Mitglieder der DDR-Bürgerbewegung Neues Forum sind heute zum größten Teil nicht mehr politisch aktiv. Wir erinnern an einige wichtige Köpfe der Bewegung:

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Bärbel Bohley: Ihr Name ist mit dem Sturz des SED-Regimes in der DDR untrennbar verbunden. Die 1945 geborene Berlinerin hatte seit 1974 als freischaffende Malerin und Grafikerin in ihrer Heimatstadt gelebt. 1983/84 kam sie erstmals in sechswöchige Untersuchungshaft – das DDR-Regime warf ihr „landesverräterische Nachrichtenübermittlung“ vor. 1989 gründete sie das Neue Forum. Bis zum Ende der DDR im Oktober 1990 kämpfte sie um Veränderungen hin zu einem demokratischen Sozialismus. Schlagzeilen machte die Bürgerrechtlerin auch nach der Wende immer wieder – zum Beispiel im Frühjahr 1992, als Stasivorwürfe gegen Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) laut wurden. Dem damaligen PDS/Linkspartei-Gruppenchef im Bundestag, Gregor Gysi, warf Bohley 1993 vor, ein Stasispitzel gewesen zu sein. Beide bestreiten die Vorwürfe. Bohley starb 2010 an Krebs.

Katja Havemann: Die Frau des bekannten Regimekritikers Robert Havemann engagierte sich nach dem Tod ihres Mannes 1982 weiter in der DDR-Opposition. 1982 gründete sie mit Ulrike Poppe und Bärbel Bohley die Gruppe Frauen für den Frieden in der DDR. Auf ihrem Grundstück in Berlin-Grünheide gründete sie mit Bohley und anderen am 10. September 1989 das Neue Forum. In den 90er-Jahren zog sie sich aus der Politik zurück. Sie sagte in mehreren Strafprozessen gegen Juristen der DDR aus, die ihren Mann zu jahrelangem Hausarrest verurteilt hatten.

Jens Reich: Er ist Biologe und war Ethikratmitglied. Nach der Wiedervereinigung ging er zu den Wurzeln zurück – Politiker sieht er nicht als seinen Beruf. 1994 wurde er als Kandidat für das Bundespräsidentenamt bekannt. Fünf Jahre zuvor hatte er als einer der ersten den Gründungsaufruf des Neuen Forums unterschrieben. Zur Volkskammerwahl 1990 trat Reich für das Bündnis 90 an.

Rolf Henrich: Sein im April 1989 erschienenes Buch „Der vormundschaftliche Staat. Vom Versagen des real existierenden Sozialismus“ gilt als Impuls für die Bürgerbewegung in der DDR. Nach dem Jurastudium an der Humboldt-Universität zu Berlin, das er 1964 begann, eröffnete er 1973 eine Anwaltskanzlei. In Eisenhüttenstadt war er SED-Parteisekretär des Kollegiums der Rechtsanwälte. Nach der Veröffentlichung seines Buches im April 1989 wurde er aus dem Anwaltskollegium ausgeschlossen. Im Jahr 1989 war er Mitunterzeichner des Gründungsaufrufs des Neuen Forums. Später war er Vertreter des Neuen Forums am Runden Tisch und trat in die SPD ein. Nach der Wende lehnte er alle politischen Ämter ab. dpa/rl