Archivierter Artikel vom 10.02.2011, 09:15 Uhr
Überlingen

Bueb: Das richtige Maß zählt

Der frühere Leiter der Elite-Schule in Salem am Bodensee, Bernhard Bueb („Lob der Disziplin“), fordert im Interview, dass Eltern mehr Verantwortung für ihre Kinder übernehmen.

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Überlingen – Der frühere Leiter der Elite-Schule in Salem am Bodensee, Bernhard Bueb („Lob der Disziplin“), fordert im Interview, dass Eltern mehr Verantwortung für ihre Kinder übernehmen.

Sie loben das Buch von Amy Chua. Steht es nicht im Widerspruch zum deutschen Erziehungsmodell?

Kinder sollen das Glück erfahren dürfen, das einer Anstrengung folgt. Es ist das einzige Glück, zu dem wir selbst beitragen können. Wir erlangen es nicht ohne Disziplin. Dafür kämpft Amy Chua. Sie propagiert einzelne Maßnahmen, die in China populär sind, die wir nie akzeptieren könnten. Da wären wir uns schnell einig. Sie vertritt aber Auffassungen, die auch wir schätzen: Eltern sollen viel Zeit für Kinder aufbringen, sie sollen ihnen viel zutrauen, mit ihnen gemeinsam Aufgaben erledigen, und die Kinder sollen die Anstrengung der Eltern durch eigene Anstrengung honorieren.

Mangelt es in Deutschland an Durchhaltevermögen der Eltern?

Ich meine, Eltern müssen wieder erwachsen werden und für ihre Erziehungsprinzipien eintreten. Sie müssen die Bereitschaft aufbringen, Kindern abzuringen, dass sie bei der Sache bleiben und nicht aufgeben, wenn sie begeistert etwas angefangen haben. Und Eltern sollen kein Mittelmaß akzeptieren. Sie müssen dann eben auch Druck ausüben. Das erfordert Konfliktbereitschaft. Vor allem dürfen sie Konflikte nicht vermeiden, weil sie fürchten, die Zuneigung der Kinder zu verlieren, wenn sie viel von ihnen fordern.

Woran erkennen Sie, dass es Kindern in Deutschland an Disziplin mangelt?

Im Gymnasium an der mangelnden Konzentration, Ausdauer und Sorgfalt beim Lernen. In bildungsfernen Schichten an der Unfähigkeit von Kindern, überhaupt zu arbeiten und zu lernen. Das liegt vor allem an der Gleichgültigkeit ihrer Eltern, die keine Zeit für sie haben und ihnen nichts abverlangen. Es gibt eine gebildete Mittelschicht, die zunehmend begreift, dass Kinder konzentriert und ausdauernd arbeiten lernen sollten und dass dazu auch viel Üben gehört. Diese Eltern könnten von Amy Chua angeregt werden. Kinder müssen den Nutzen der Tugenden Ordnung, Fleiß, Sorgfalt, Pünktlichkeit und Verzichtbereitschaft erfahren dürfen. Sprichwörtlich: Wir müssen sie zuweilen zu ihrem Glück zwingen.

Wo bleibt der Spaß beim Lernen?

Man kann mit Spaß etwas beginnen, dann kommt die Phase, in der zum Gelingen Fleiß gehört. Der dann eintretende Erfolg erhöht den Spaß. Ich würde es eher Glück nennen. Der Erfolg treibt wieder an, sich noch mehr anzustrengen. Wer nur Spaß haben will und sich nicht abmüht, dem vergeht der Spaß.

Aber nicht jedes Kind hat das Zeug zum Einser-Kandidaten.

Das Streben zu Bestnoten ist eine chinesische Eigenart, die wir überhaupt nicht billigen können. Es können nicht alle die Besten sein, das ist Unsinn. Jedes Kind soll aber entsprechend seinen Begabungen sein Bestes geben wollen. Und das ist die Kunst der Erziehung. Eltern müssen ihr Kind genau kennen und wissen, wo seine Begabungen liegen, aber auch, wo seine Begrenzungen liegen. Ich kann dem sehr begabten Kind einer Familie mehr abverlangen als dem anderen, das weniger begabt ist. Erziehung hat viel mit dem richtigen Maß zu tun.

Das Gespräch führte Rena Lehmann