Archivierter Artikel vom 18.04.2013, 07:00 Uhr

Boston: Fahnder ermitteln, Menschen trotzen der Angst

Bei Terroranschlägen wie beim Boston-Marathon ist es nicht anders als bei ganz „normalen“ Verbrechen, meint Ray Kelly, der Polizeichef von New York. „Die ersten 24 Stunden sind die wichtigsten.“ In diesen Stunden setzt die Polizei ganz auf das Klein-Klein der Forensiker: Gesucht wird der „Fingerabdruck“ der Bombe.

Anschlag: US-Polizei analysiert den „Fingerabdruck“ der Bomben – Ostküstenmetropole steht unter Schock
Anschlag: US-Polizei analysiert den „Fingerabdruck“ der Bomben – Ostküstenmetropole steht unter Schock
Foto: DPA

„Signature of a bomb“ – wörtlich: die Unterschrift einer Bombe – heißt das neue Schlagwort der Experten. Simpel gesprochen, bauen die Forensiker darauf, dass millimeterkleine Einzelteile des zerfetzten Sprengsatzes ihnen wichtige Hinweise geben, erklärt Barbara Starr, die Sicherheits- und Pentagonexpertin des TV-Senders CNN.

Es geht dabei um das Explosivmaterial und Zünder – bis hin zu jedem kleinsten Draht, die verwendet wurde. „Diese Hinweise werden mit Hunderten, wenn nicht Tausenden Fingerabdrücken von Bombenresten verglichen“, die die USA rund um die Welt gesammelt haben, sagt sie. Eine Art Eieruhr löste Explosion aus Erste Erkenntnisse förderten die FBI-Spezialisten schnell zutage: Der Zünder soll durch eine Art Eieruhr, wie man sie in der Küche benutzt, in Gang gesetzt worden sein, berichtet die „New York Times“.

Das Explosivmaterial sei zusammen mit Nägeln und Metallkugeln in einen Schnellkopftopf gefüllt worden, der wiederum vermutlich in einem schwarzen Nylonrucksack versteckt wurde. Ziel sei es gewesen, möglichst viele Menschen zu verstümmeln. Eines hat sich ebenfalls früh erhärtet: Die Bomben sind ganz offenbar eher simpler und primitiver Natur. Außerdem setzten die Ermittler auf ihre elektronischen Ohren.

Zehntausende oder gar Hunderttausende Telefongespräche, E-Mails, Facebook-Nachrichten und andere Kommunikationen rund um den Globus werteten die Spezialisten aus. Es gilt, das sogenannte pre-attack chatter zutage zu fördern – Gespräche der Täter oder Helfershelfer, die kurz vor dem Anschlag geführt wurden. Derweile erinnert die Szenerie in der US-Ostküstenmetropole Boston viele an die Zeit nach dem 11. September 2001 in New York.

Die Zielgerade der Strecke bleibt weiträumig abgesperrt. Aus der Ferne sind zertretene Pappbecher, verwaiste Versorgungsstände und vom Wind umherwehender Müll zu erkennen. Auch die Straßenreinigung durfte noch nicht auf diesen Teil der Strecke – schließlich könnte jedes Stück Müll ein Beweisstück sein.

Polizisten mit Helmen, Westen und Maschinenpistolen patrouillieren in den Straßen und kontrollieren jeden U-Bahn- Eingang. Die Stimmung ist angespannt, immer wieder ertönen Sirenen und knattern Hubschrauber. Polizeiwagen mit blau blinkenden Warnlichtern und gepanzerte Einsatzwagen blockieren die Straßen. Viele Menschen haben Blumen und US-Flaggen an den Gittern niedergelegt. Ein kleines Mädchen weint bitterlich, als es an der Hand seines Vaters an den Absperrungen vorbeiläuft. „Papa, ich hab dir doch gesagt, ich will nicht zu diesem Ort hier gehen.“

Auf einem braunen Metalltisch steht ein halb volles Glas Weißwein, daneben liegen ein angebissenes Butterbrot und eine Rechnung. Unbezahlt. In Panik müssen die Menschen an den Tischen vor dem Restaurant „Stephanie's On Newbury“ losgerannt sein, als nur rund 100 Meter entfernt auf der Boylston Street in Bostons Innenstadt zwei Bomben kurz nacheinander explodierten. Auch am Tag nach den Anschlägen hat noch niemand Zeit und Muße gefunden, hier aufzuräumen.

„Wie gruselig“, sagt eine Frau, die ein Geschäft in der Nähe betreibt, und knipst mit ihrem Handy ein Foto. „Mein Laden bleibt heute geschlossen, so viel ist sicher.“ Der eigens für den Boston-Marathon angereiste Matthias Spindler aus Herfurt bei Bielefeld, der mit seinem Reisekoffer an einer Absperrung steht, sagt: „Die Stimmung ist extrem gedrückt, und die Leute sind extrem verunsichert.“ Der 46-jährige Arzt ist zum ersten Mal den Boston-Marathon gelaufen und überquerte die Zielgerade zehn Minuten vor den Detonationen.

Dass ein Ereignis ganz im Zeichen von Fairness und Fröhlichkeit angegriffen wurde, dass Menschen getötet wurden und viele, vor allem Zuschauer, durch die Explosionen Beine und Arme verloren – das mag in Boston noch immer niemand so wirklich wahrhaben. „Das waren einfach Unschuldige, die am Rand standen, um die Marathonläufer anzufeuern“, sagt die Texanerin Debbie Clark. Als sie das sagt, laufen zwei Jogger an ihr vorbei, sie tragen – wie so viele seit dem Anschlag – extra ihre offizielle blau-gelbe Marathon- Kleidung und die gewonnenen Medaillen um den Hals.

„Ich lasse nicht zu, dass Terroristen mich davon abhalten, zu tun, was ich liebe“, sagt die für den Marathon aus Seattle angereiste Sheryl Perales. Schon Stunden nach dem Attentat gingen die ersten Menschen wieder joggen, „stark und unverwüstlich“, wie US-Präsident Barack Obama die Stadt genannt hatte. Überall haben Menschen Schilder aufgehängt: „Bleib stark, Boston“, „Lauf weiter, Boston“. Viele Hotels melden bereits erste Buchungsanfragen für den Boston-Marathon 2014.

Der Schweizer Didier Devaud will 2014 erneut hier laufen. „Wir werden wiederkommen – und wir werden es für die Menschen tun, die bei der Veranstaltung gestorben sind oder verletzt wurden.“

Peer Meinert/ Christina Horsten/Manuela Ohs