Archivierter Artikel vom 02.03.2015, 05:00 Uhr

Boris Nemzow: Der Beinahe-Kremlchef

Es war in den letzten Jahren ruhiger um ihn geworden. Zwangsläufig. Die staatlichen Medien mieden den unversöhnlichen Kremlkritiker. Bei fast allen Sendern stand er auf der schwarzen Liste. Wurde dennoch über ihn berichtet, so waren es kurze Notizen. Hinweise meist, dass der Oppositionelle im Zusammenhang mit einer „nicht genehmigten Aktion“ vorübergehend in Gewahrsam genommen worden sei.

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Vom Vizepremier unter Boris Jelzin zur Persona non grata: Boris Nemzow gehörte zu den schärften Kritikern Putins. Das Land verlassen wollte er aber nicht. "Wer soll sich dann mit ihnen schlagen?", fragte er.  Fotos: dpa
Vom Vizepremier unter Boris Jelzin zur Persona non grata: Boris Nemzow gehörte zu den schärften Kritikern Putins. Das Land verlassen wollte er aber nicht. „Wer soll sich dann mit ihnen schlagen?“, fragte er. Fotos: dpa
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Von unserem Moskauer Korrespondenten Klaus-Helge Donath

Für den charismatischen Politiker muss dies nicht einfach gewesen sein. Doch darüber sprach er nicht. In den 90er-Jahren war Boris Jefimowitsch Nemzow der Star des jungen postsowjetischen Russlands. Präsident Boris Jelzin hatte einen Narren an ihm gefressen. Er machte ihn zum Ziehsohn, ließ ihn als Gouverneur mit Reformen experimentieren, ernannte ihn zum Vizepremier und versprach ihm gar die Nachfolge im Kreml. Doch dazu kam es nicht.

Im letzten Interview vor dem Attentat am Freitag erzählte er das noch einmal im Radiosender Echo Moskwy: „Jelzin hatte mich als Nachfolger vorgesehen, überlegte es sich dann aber und machte Putin zum Präsidenten. Das war sein größter Fehler“, sagte Nemzow. Mit dem 55-jährigen Oppositionellen hätte Russland gewiss einen anderen Weg eingeschlagen. Vor allem einen friedlicheren, der Recht und Gesetz auch gegenüber den Nachbarn hätte gelten lassen. Denn im Unterschied zu vielen Vertretern der liberalen, chauvinistischen und linken Opposition war Nemzow kein russischer Revanchist. Das Imperium trug er nicht mehr wie viele andere in sich. Im Gegenteil, er war einer der wenigen, die erkannt hatten, dass der imperiale Fluch Russland ins Verderben stürzt und Putin als Exekutor auch dessen Totengräber sein wird.

Daher setzte er sich schon 2004 für die Orangene Revolution in der Ukraine ein. Die in Russland verbreitete Attitüde, die „Kleinrussen“ zu belehren, war ihm fremd. In letzter Zeit wurden es noch weniger, die diese Stimme hören wollten. Auch das sagte der einst Erfolgsverwöhnte noch auf Echo Moskwy: „Mir ist klar, dass die Opposition bei den Russen heute wenig Gehör findet.“ Er gab aber nie auf. Immer wieder versuchte er, als Vertreter der „nicht systemkonformen“ Opposition einen Fuß in die Politik zu bekommen. 2009 kandidierte er bei den Bürgermeisterwahlen in seiner Geburtsstadt Sotschi. Mehr als ein kleiner Achtungserfolg war gegen die Interessengemeinschaft aus Kreml und Region ohne Zugang zu den elektronischen Medien nicht herauszuholen. Er revanchierte sich entsprechend mit einem Bericht über die Korruption bei der Vorbereitung der Olympischen Spiele. 2013 schaffte er dann den Sprung in das Gebietsparlament von Jaroslawl. Für Arbeit in den Niederungen war er sich nicht zu schade. Die „Vertikale der Korruption“ müsse in Russland auf allen Ebenen bekämpft werden, so seine Devise.

Dass der Kreml ihn und die gesamte Opposition zu „Nationalverrätern“ stempelte, ließ den abgeklärten Politiker dennoch nicht kalt. Er beklagte sich, wie die Machthaber ihn zum „vaterlandslosen Gesellen“ machen konnten. Seine Kinder lebten in Russland, die der Elite, darunter Außenminister Sergej Lawrow und Putins, lebten und studierten im Ausland. Hass und Gewalt gegen Andersdenkende waren in der Gesellschaft längst gesät.

Dieser Hass wird im Krieg gegen die Ukraine instrumentalisiert, lässt sich aber nicht mehr eingrenzen. Der hybride Krieg gegen den Nachbarn ist als hybrider Terror auch in Russland angekommen. Die ersten Nebelkerzen bei der Aufdeckung des Verbrechens lassen das schon erahnen.

Wie lange die Machthaber ihn wohl noch gewähren ließen, soll Nemzow engere Freunde in letzter Zeit häufiger gefragt haben. Alte Wegbegleiter rieten ihm schon seit Längerem, das Land zu verlassen. „Ich gehe nicht. Wer soll sich dann mit ihnen schlagen?“, habe er ihm vor Kurzem erwidert, erzählte der Chefredakteur von Echo Moskwy, Alexei Wenediktow. Nemzow hatte eine Vorahnung, zog aber keine Konsequenzen, auch nicht, als die Mutter ihn bat, Putin nicht weiter zu reizen. „Er wird dich töten“, soll sie gesagt haben. Boris Nemzow war schon lange nicht mehr der „ewig strahlende Sieger“, wie er sich noch in der Autobiografie „Der Provinzler“ in den 90er-Jahren präsentierte. „Ich bin aber der moralische Sieger“, sagte er einmal. Doch zu welchem Preis?

Die junge Generation kannte ihn nicht mehr. Viele hörten das erste Mal auf den Demonstrationen gegen den Wahlbetrug bei den Dumawahlen im Winter 2011 von ihm. Die Proteste der Mittelschichten in den Monaten vor der Wiederwahl Wladimir Putins in den Kreml waren für die Opposition ein Hoffnungsschimmer, der Wandel versprach. Nemzow fehlte auf keinem Podium. Doch war die Opposition der Gewalt und der List des Kremls nicht gewachsen. Sie litt an der ewigen Kinderkrankheit der russischen Intelligenz, sich auf keinen Kompromiss einigen zu können. Der Protest verebbte und ging mit der Annexion der Krim im nationalen Rausch endgültig unter.

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Boris Nemzow stand damals schon für eine andere, längst untergegangene Epoche, die Zeit des Umbruchs der 90er. Mit Alexej Nawalny hatte inzwischen ein neuer mutiger Kremlgegner die politische Bühne betreten, der in der Gunst des Publikums an den jungen Boris erinnerte. Nawalny trat auch als Antikorruptionskämpfer in dessen Fußstapfen. Am Tag der Beisetzung von Nemzow wird er noch in Haft sitzen, auch darin übernimmt er die Stafette des Vorgängers.

Mit Putin hatte Nemzow nicht nur eine politische Rechnung zu begleichen. Der Jelzin-Nachfolger versaute ihm auch die Karriere. Viele Mitstreiter aus den 90er-Jahren arrangierten sich mit der neuen Macht. Nemzow mied die Nähe zum Kreml.

Eigentlich war er ein Dinosaurier im Politikgeschäft. Seit dem Niedergang der Sowjetunion mischte er an vorderster Stelle mit. Als Russlands erster Präsident, Boris Jelzin, den Jungpolitiker in das hoch industrialisierte Verwaltungsgebiet Nischni Nowgorod schickte, avancierte der smarte Junge über Nacht zum Star.

Ehemalige sozialistische Musterbetriebe der Rüstungsindustrie und nukleare Forschungseinrichtungen standen vor dem Bankrott. Nemzow verwandelte Nischni in ein Experimentierfeld für angewandte Wirtschaftsreformen.

Wer als Reformer etwas auf sich hielt, nutzte die Experimentierfreude des jungen Gouverneurs und zog nach Nischni. Längst nicht alles gelang. „Als Gouverneur war ich eigentlich noch ein Kind“, sagte er mit einer Prise Selbstkritik. Hunderte Arbeiter, die monatelang keinen Lohn erhalten hatten, belagerten sein Büro. Dennoch wurde der Gouverneur 1995 in freien Wahlen wiedergewählt.

Nemzow war theoretischer Physiker, kein Gesellschaftstheoretiker, eher ein Freidenker, der fest daran glaubte, Rechtsstaat, Demokratie und Menschenrechte hätten auch in Russland Zukunft. Putins Konterrevolution stehe für Korruption, Diebstahl, polizeiliche Willkür und Wahlfälschung. „Nicht jeder in Russland ist käuflich. Die herrschende Kaste begreift das nicht, weil Putin selbst Gerhard Schröder einkaufen konnte.“