Archivierter Artikel vom 02.10.2010, 00:00 Uhr
Berlin/Bonn

Bonn und Berlin: Beide haben gewonnen

20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung wird gern gelästert: „Der Kopf ist in Berlin, der Arsch ist in Bonn.“ Hinter den groben Worten steckt mehr als nur die Häme, mit der mancher Nicht-Bonner auf das „Provinznest“ am Rhein schaut. Immer wieder werden Stimmen laut, die den Komplettumzug der Ministerien vom Rhein an die Spree für den letzten Schritt zur „Vollendung der Einheit“ halten.

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Von unserer Redakteurin Rena Lehmann

Berlin/Bonn – 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung wird gern gelästert: „Der Kopf ist in Berlin, der Arsch ist in Bonn.“ Hinter den groben Worten steckt mehr als nur die Häme, mit der mancher Nicht-Bonner auf das „Provinznest“ am Rhein schaut. Immer wieder werden Stimmen laut, die den Komplettumzug der Ministerien vom Rhein an die Spree für den letzten Schritt zur „Vollendung der Einheit“ halten.

Zuletzt warb Grünen-Chef Cem Özdemir dafür – „aus Effizienzgesichtspunkten, wegen den hohen Kosten und aufgrund der vermeidbaren Umweltschäden“. Die Bundesregierung winkt solche Pläne (noch?) ab. Es gebe keine Überlegungen, das Gesetz aufzukündigen. Doch darf bezweifelt werden, dass dies das letzte Wort in der Angelegenheit ist. Erst kürzlich kursierten Berichte, nach denen das Verteidigungsministerium im Zuge der Bundeswehrreform komplett nach Berlin ziehen könnte.

Die „Bundesstadt“ besitzt sechs Ministerien

Mit dem Bonn-Berlin-Gesetz wurde 1994 festgelegt, dass einige Ministerien und Bundesbehörden in Bonn verbleiben, das seither den bundesweit einmaligen Titel „Bundesstadt“ führt. Sechs Ministerien sitzen deshalb noch ganz oder teilweise am Rhein: Verteidigung, Gesundheit, Umwelt, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Bildung und Forschung. 10 405 Bundesbeamte und Angestellte arbeiten in Berlin – und immerhin 9037 in Bonn. Kritiker der Aufteilung halten vor allem die Ausgaben – auch wegen häufiger Pendelfahrten – für verzichtbar. Die Trennung kostete allein im vergangenen Jahr 8,8 Millionen Euro, für dieses Jahr werden mehr als 10,6 Millionen Euro erwartet.

In Bonn verfolgt man solche Vorstöße mit größter Wachsamkeit. „Es gibt keinen Anlass, an dem Gesetz zu rütteln“, sagt Monika Hörig, die schon seit 1990 als Pressesprecherin die Interessen der Stadt vertritt. Das Kostenargument lässt sie selbstverständlich nicht gelten. „Der Komplettumzug wäre mit fünf Milliarden Euro die viel teurere Lösung“, ist sie überzeugt. Nach wie vor seien die Ministerien außerdem Kerne der Stadtstruktur, in ihrem Dunstkreis versammeln sich weitere untergeordnete oder internationale Behörden und Einrichtungen. „Bonn ist auch heute noch eine Beamten-, inzwischen aber auch eine Dienstleistungsstadt“, sagt Hörig. Ohne die Ministerien bräche diese Struktur zusammen, Arbeitsplätze fielen weg.

1,4 Milliarden für Bonn

Unabhängigere Stimmen zählen die Stadt am Rhein mit ihren 300.000 Einwohnern eindeutig zu den Gewinnern der deutschen Einheit, die inzwischen auch ohne die Ministerien noch sehr gut dastünde. Immerhin sind 1,4 Milliarden Euro an Ausgleichshilfen geflossen und große Unternehmen wie Telekom und Post in die Stadt gelockt worden. Erst der aktuelle Skandal um das Großprojekt Weltkongresszentrum, in dem die Staatsanwalt nun wegen Korruption ermittelt, hat dem seit Langem prosperierenden Wirtschaftsstandort einen ersten Dämpfer beschert.

Berin ist „arm, aber sexy“

Berlin hat vom Hauptstadtstatus sowieso profitiert. „Es ist wirtschaftlich gesehen noch immer arm, weil Industrie fehlt. Aber es ist als Konferenz- und Wissenschaftsstadt attraktiv geworden. In diesen Bereichen wird auch Berlins Zukunft liegen“, sagt Antje Seidel-Schulze vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin. Die Stadt habe jedoch noch immer einen anderen Status als andere Hauptstädte wie Paris oder London. Weniger majestätisch, dafür nach wie vor experimentell. „Arm, aber sexy“, wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gern kokettiert.