Archivierter Artikel vom 22.06.2013, 07:00 Uhr

Aufmärsche: Brasilianer tragen ihre Wut auf die Straße

Rio de Janeiro. Das Land des Fußballs, der weißen Strände und des bunten Karnevals ist zum Protestland geworden. 356 Tage vor Anpfiff der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien ziehen landesweit eine Million Menschen durch die Straßen, um gegen Korruption, Misswirtschaft und soziale Missstände zu protestieren.

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Mehr als eine Million Menschen demonstrieren in Brasilien gegen miserable Schulen, Busse oder Kliniken. Allein in Rio de Janeiro gingen 300 000 auf die Straßen.
Mehr als eine Million Menschen demonstrieren in Brasilien gegen miserable Schulen, Busse oder Kliniken. Allein in Rio de Janeiro gingen 300 000 auf die Straßen.
Foto: DPA

Von Helmut Reuter und Andreas Behn

Der friedliche Protest endet in vielen Städten im völligen Chaos. „Keine Gewalt!“, ruft die Mehrheit beiden Seiten zu. Vergebens. Straßenschlachten, Tränengas, brennende Barrikaden, in Flammen stehende Autos, ein Toter und Hunderte Verletzte – das ist die vorläufige Bilanz. In Rio gingen 300 000 Menschen auf die Straße. Treffpunkt war wie in den vergangenen Tagen die Kirche Igreja Candelária im Zentrum.

Der schier endlose Protestzug setzte sich friedlich über die Avenida Presidente Vargas in Richtung Bürgermeisteramt in Bewegung. Doch plötzlich, gegen 19.30 Uhr am Donnerstag, explodieren Tränengasgranaten, laufen die Demonstranten in Panik auseinander. Dann kommt die berittene Polizei, Panzerfahrzeuge fahren auf. Die Sondereinheiten der Polizei rücken in Keilformation vor. Mehr als 60 Verletzte sind das Resultat der Konfrontation.

Feuer im Regierungsviertel

Aus allen Landesteilen wurden Massenproteste gemeldet. Bei Demonstrationen in Ribeirão Preto, rund 300 Kilometer von São Paulo entfernt, kam ein 18-Jähriger ums Leben: Er wurde von einem Auto überfahren, dessen Fahrer sich offenbar weigerte, an einer von Demonstranten errichteten Barrikade zu halten. Im Regierungsviertel der Landeshauptstadt Brasilia wollten die Demonstranten zunächst den Kongress stürmen. Unweit des Präsidentensitzes griffen Randalierer schließlich das Außenministerium an und entzünden ein Feuer.

Präsidentin Dilma Rousseff hielt sich im Palácio do Planalto auf, unweit der Demonstrationen. Die Staatschefin verschob wegen der angespannten Lage in Brasilien eine Japan-Reise. Sie wolle derzeit nicht eine ganze Woche außer Landes sein, sagte ihr Sprecher. Auch das zeigt den Ernst der Lage. Die Fußballnation Brasilien erlebt die größte Protestbewegung seit zwei Jahrzehnten. Das Ausmaß hat alle überrascht. Denn wirtschaftlich geht es dem Land so gut wie lange nicht mehr, der jahrelange Aufschwung und gestiegene Sozialleistungen haben den Lebensstandard aller deutlich erhöht, auch den der Ärmeren.

Arme Bürger in reichem Land

Woher also diese Wut? Rousseff selbst sagte in einer ersten Reaktion, die Menschen hätten von der Entwicklung der vergangenen Jahre profitiert: „Jetzt verlangen sie zu Recht noch mehr.“ Das Gefühl, ein armer Bürger in einem reichen Land zu sein, ist bei den Protesten oft zu spüren. „Wir sind die siebtgrößte Wirtschaftsnation und wollen einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat, sind aber nicht in der Lage, U-Bahnen zu bauen und den Ärmeren ein Leben in Würde zu bieten“, sagt ein Demonstrant.

Der Staat gibt Milliarden für die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 aus, ohne dass die Bürger Verbesserungen für sich erkennen. Während die Fußballwelt auf Brasilien schaut, nutzen die Demonstranten den Confederations Cup als Bühne für ihren Protest. Es ist eine städtische Protestbewegung, die von Studenten und jungen Berufstätigen aus der Mittelschicht getragen wird. Vor allem in den Metropolen São Paulo und Rio de Janeiro erleben sie den Kontrast zwischen Wirtschaftsboom und veralteter Stadtplanung als besonders krass.

Die Städte ersticken in Blechlawinen, die Zahl der Autos ist in zehn Jahren sechsmal so schnell gestiegen wie die Bevölkerungszahl. Tägliche kilometerlange Staus sind normal. Der öffentliche Nahverkehr wurde nicht ausgebaut. So wird der Alltag zu einem Problem – für alle. Und das Vertrauen in die Politiker schwindet.