Archivierter Artikel vom 30.08.2010, 08:18 Uhr
Berlin

Aderlass könnte für Osten zur Chance werden

Marion Eich-Born kennt die Horrorszenarien: Die neuen Länder als Altersheim, entvölkerte Dörfern und dünn besiedelte Landschaften, in denen wieder die Wölfe heulen. Die promovierte Wirtschaftsgeografin hält nichts davon. Gefährlich werde die Entwicklung mit schrumpfender Bevölkerungszahl und einem schnell steigenden Anteil alter Menschen nur, „wenn wir uns den Herausforderungen nicht beherzt stellen".

Berlin – Marion Eich-Born kennt die Horrorszenarien: Die neuen Länder als Altersheim, entvölkerte Dörfern und dünn besiedelte Landschaften, in denen wieder die Wölfe heulen. Die promovierte Wirtschaftsgeografin hält nichts davon. Gefährlich werde die Entwicklung mit schrumpfender Bevölkerungszahl und einem schnell steigenden Anteil alter Menschen nur, „wenn wir uns den Herausforderungen nicht beherzt stellen„.

Innerhalb von 20 Jahren sank die Einwohnerzahl von 16 Millionen auf rund 13 Millionen, Berlin nicht mitgerechnet. Mehr als 3,8 Millionen Ostdeutsche packten die Koffer. Im Gegenzug kamen etwa zwei Millionen Westdeutsche in den Osten. Unter dem Strich bleibt ein Wanderungsverlust von rund 1,8 Millionen Menschen.

Die Prognosen versprechen keine Besserung. 2030 werden im Osten noch 11 Millionen Menschen leben, 2060 nur noch 8,2 Millionen. Eines alarmiert Wirtschaft und Politik besonders: Die Zahl der 20- bis 65- Jährigen verringert sich dramatisch – bis 2030 um 30 Prozent, bis sie sich 2060 im Vergleich zu 2008 auf 4 Millionen halbiert hat.

Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hält perspektivisch eine Ost-Vollbeschäftigung für möglich, wenn das Fachkräfteproblem gelöst wird. Die Zeit, in der die Demografie-Falle nur beschrieben wurde, scheint vorbei. Es wird gegengesteuert und angepasst. Eich-Born ist als neue Infrastruktur-Staatssekretärin in Thüringen dabei, eine Abteilung für Demografie-Folgen aufzubauen. Sie spricht von der „Sogwirkung“, die einzelne Ost-Regionen entwickeln. Rostock hat 2009 an Einwohnern zugelegt, Zen-tren wie Dresden, Leipzig oder Jena entziehen sich dem Negativ-Trend. Auch mit der sehr guten Kita-Versorgung, den Bildungsangeboten oder Karrierechancen wie in der Solarwirtschaft müsste der Osten mehr wuchern.

Manche glauben sogar, das Dilemma könnte für Ostdeutschland zur Chance werden. Wer auf die Herausforderungen schlüssige Antworten findet und sie zur radikalen Modernisierung nutzt, könnte sich einen Vorsprung erarbeiten. Auch der Westen verliert Einwohner und wird älter – nur langsamer.

Simone Rothe