Archivierter Artikel vom 02.04.2014, 06:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Ach, du dickes Ei! – Bunte Eier stammen oft aus Käfighaltung

In Deutschland gibt's keine Käfigeier mehr zu kaufen? Irrtum. Zwar gilt seit 2004 für rohe Eier eine Kennzeichnungspflicht, an der die Verbraucher Haltungsform, Herkunftsland und Legebetrieb ablesen können. Doch für gefärbte Eier gilt die Vorschrift nicht. Genauso wenig wie für verarbeitete Eier.

Foto: dpa

Von unserer Redakteurin Nicole Mieding

Wer beim Einkauf von gefärbten Ostereiern oder eihaltigen Produkten wie österlichem Hefezopf, Nudelnestern oder süßen Osterartikeln mit Eierlikör-Füllung den Tierschutz im Auge hat, sucht meist vergeblich nach Informationen zur Haltung der Tiere, kritisiert die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. „Die bestehende Kennzeichnungslücke ist der Grund dafür, dass immer noch große Mengen Käfigeier verwendet werden. Und dies, obwohl Verbraucher sie mehrheitlich ablehnen“, kritisiert Susanne Umbach, Ernährungsberaterin der Verbraucherzentrale. Wer auf Nummer sicher gehen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als die Eier selbst zu färben, sagt sie.

Seit 2009 ist die Käfighaltung in Deutschland verboten. Betriebe haben inzwischen auf Bodenhaltung oder die sogenannten ausgestatteten Käfige umgestellt. Etliche Mitgliedsstaaten wie Frankreich, Belgien und Polen ignorieren diese Vorgaben aber, warnt die Verbraucherzentrale. So landen nach wie vor Eier aus Käfighaltung in verarbeiteten Produkten – und in deutschen Supermarktregalen.

In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 17 Milliarden Eier gegessen, 218 waren es im vergangenen Jahr pro Kopf. Mit 38 Millionen Legehennen zählt die Bundesrepublik heute zu den größten Eierproduzenten der EU. Die Selbstversorgungsrate deckt das aber noch nicht, aktuell liegt sie bei rund 68 Prozent. Dabei hat sich die Legeleistung der Henne über die Jahrzehnte kontinuierlich gesteigert: Durch spezielle Züchtung schafft eine moderne Hochleistungshenne bis zu 320 Eier im Jahr – 1950 waren es noch 118.

Diese Züchtungen bescheren uns jedoch ein ethisches Problem: Die Hennen verwerten ihr Futter vor allem für die Eierproduktion, als Fleischlieferanten taugen sie nicht. Überdies schlüpfen aus den Eiern genauso viele Hähnchen wie Hennen. Weil die männlichen Nachkommen aber für die Eierfabriken nichts taugen, werden sie nach dem Schlüpfen mit CO2 vergast oder geschreddert. Weltweit passiert das mit 2,5 Milliarden Hähnchen, in Deutschland sind es rund 40 Millionen pro Jahr. Auswege aus diesem moralischen Dilemma versuchen verschiedene Initiativen und Projekte zu finden.

So zieht die Initiative Bruderhahn Deutschland für einen Aufschlag von 4 Cent pro Ei die männlichen Tiere der Projektteilnehmer auf und vermarktet sie. Alternativ wird an der Zucht sogenannter Zweinutzungshühner gearbeitet: Tiere, die wie früher sowohl Eier legen als auch Fleisch ansetzen. Allerdings ist ihre Haltung aufwendiger, die Ausbeute geringer – was es für den Landwirt und damit für den Kunden am Ende teurer macht. Das große Geld ist aufgrund des niedrigen Preises für Eier ohnehin nicht zu verdienen: Im Schnitt macht ein Geflügelhalter heute pro Ei oft weniger als einen halben Cent Gewinn.

Welche Haltungsform für Hühner die artgerechteste ist, darüber herrscht geteilte Meinung. Zwar dürfen Tiere in ökologischer Haltung ihre Schnäbel behalten und können natürlichem Verhalten wie Scharren und Picken nachgehen. Doch auch Ökobetriebe halten bis zu 3000 Legehennen je Stalleinheit. Das führt zu ständigen Rangordnungskämpfen, Kannibalismus ist – wie immer in zu großen Gruppen – ein Problem. Zudem bedeutet auch Freilandhaltung für Hühner Stress: Sie sehen schlecht und entfernen sich ungern weit von ihrem Stall. Weil sie ursprünglich Waldbewohner sind, suchen sie vor Fressfeinden instinktiv Schutz unter Bäumen. Ein Dasein auf weiter Grasfläche unter freiem Himmel behagt ihnen daher nicht.

Ein Vorstoß der Geflügelindustrie gibt nun Anlass zu neuer Sorge: Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) hat gerade angekündigt, künftig gentechnisch verändertes Soja zu füttern. „Wir stellen eine kontinuierliche Verunreinigung der Sojapartien fest“, erklärte der ZDG-Geschäftsführer Thomas Janning. Um sich nicht dem Vorwurf der Verbrauchertäuschung auszusetzen, könne die Branche eine gentechnikfreie Fütterung, zu der sie sich bislang verpflichtet hatte, deshalb nicht fortsetzen.

Weil auf dem Weltmarkt angeblich Mangel an gentechnikfreiem Soja herrscht, wollen Legehennenhalter und Hähnchenzüchter künftig gentechnisch verändertes Soja als Futter einsetzen. Dazu gehören mit der PHW-Gruppe (Wiesenhof) und Rohkötter (Emsland Frischgeflügel) zwei der größten deutschen Hähnchenproduzenten, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet. Gentechnik-Gegner melden an Jannings Aussage allerdings ihre Zweifel an. Laut dem Verband Lebensmittel ohne Gentechnik sind nicht Lieferengpässe, sondern vielmehr höhere Preise der Grund für den Ausstieg aus der gentechnikfreien Fütterung. Gensoja ist schlicht billiger. Auch einer der größten Händler mit Agrarrohstoffen bestätigt, dass es im Vergleich zur Vorsaison sogar 10 Prozent mehr gentechnikfreies Soja gibt.

Greenpeace hat aus diesem Anlass bei zwölf Supermarktketten nachgefragt. Gemäß der Umfrage wollen nur Rewe und Tegut künftig noch Eier und Hähnchen ohne Gentechnik garantieren. Edeka, Netto und Kaiser's Tengelmann geben zwar an, auf Genfutter verzichten zu wollen – garantieren das für Geflügelfleisch aber schon seit Jahren nicht. Aldi und Lidl wollen grundsätzlich nicht auf gentechnikfreie Ware bestehen. Für den Kunden wird das ohnehin nicht zu erkennen sein: Ein Siegel „mit Gentechnik“ gibt es nicht. Die jüngsten Preiskämpfe der Discounter setzen die Lebensmittelbranche enorm unter Druck.

Das gilt für Händler gleichermaßen wie für Produzenten. Die Verbraucher sollten angesichts der drastischen Preissenkungen bei Eiern, Fleisch, Butter und Wein allerdings stutzig werden. „Die Reduzierungen am Regal lagen teils deutlich höher als die Nachlässe bei den Rohstoffen“, sagt Manfred Esser, Chefeinkäufer bei Rewe. Er rechnet deshalb mit neuen Lebensmittelskandalen. „Vor Ostern könnten wir wieder das Eierthema auf dem Tisch haben“, prophezeite er jüngst in der „Welt“.