Archivierter Artikel vom 04.04.2021, 12:34 Uhr

Auf Augenhöhe

Polizei wirbt bei TikTok und Co. um Nachwuchs

Mit Sprüchen und Kurzvideos wirbt die Polizei in einigen Bundesländern auf Instagram, TikTok und Co. um die nächste Generation von Ordnungshütern. Dabei muss sie gleichzeitig seriös und humorvoll sein.

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Mit witzigen Sprüchen und unterhaltsamen Kurzvideos wirbt die Polizei in einigen Bundesländern auf Instagram, TikTok und Co. um Nachwuchs.
Foto: Jochen Tack/IMNRW/dpa

Berlin (dpa). Mitten-drin-Aufnahmen von Polizei-Einsätzen, kurze Schnittfolgen, schnelle Musik – und dazu eine kumpelhafte Ansprache. So warb die hessische Polizei im vergangenen Jahr auf Instagram für den Nachwuchs.

Die ebenfalls in den sozialen Netzwerken aktive Berliner Polizei setzt auf Sprüche wie diese: „1A Ausbildung und trotzdem auf der Straße landen.“ Auch die Polizei in NRW sucht den Kontakt zu jungen Menschen in sozialen Netzwerken wie Facebook, Youtube und TikTok, die man als „Hauptzugang“ zu potenziellen Bewerbern identifiziert hat.

Soziale Medien als Mittel zur Personalgewinnung – was für viele Ausbildungsbetriebe noch ein Buch mit sieben Siegeln ist, ist bei der Polizei in einigen Bundesländern schon seit Jahren eine Selbstverständlichkeit.

In Hessen etwa wirbt die Polizei seit 2014 um die nächste Polizei-Generation, damals noch auf Facebook, mittlerweile auch auf Youtube und Instagram. „Die sozialen Netzwerke sind hierbei ein unverzichtbarer Bestandteil der Nachwuchsgewinnung, auch, um die Vielfalt des Polizeiberufs darzustellen und regelmäßig mit Interessierten über die Kommentar- und die Nachrichtenfunktion in direkten Kontakt zu treten“, sagt der Polizeihauptkommissar und Sprecher der Polizeiakademie Hessen, Mark-Alexander Maus. Die Zahlen sehen nach Erfolg aus: Lagen die Bewerberzahlen im Jahr 2016 noch bei 6340, stiegen sie im Jahr 2020 schon auf 8335, wie die Polizeiakademie Hessen berichtet.

Auch in Nordrhein-Westfalen hat man den Wert der sozialen Medien für die Rekrutierung des Polizei-Nachwuchses erkannt. „Die Polizei NRW will da sein, wo die Menschen sind. Durch Social Media ist die Polizei virtuell ansprechbar“, sagt der Sprecher des Innenministeriums, Markus Niesczery. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie erreiche die Polizei über die sozialen Medien so viele Menschen wie über kaum ein anderes Medium – „praktisch in Echtzeit“. Über 120 Social-Media-Accounts betreue die Polizei in NRW auf Twitter, Facebook, Instagram, Youtube, TikTok, LinkedIn und Xing. Allein auf Facebook folgten bis Mitte März mehr als 982 000 Menschen dem Konto der Polizei NRW. Das sind nach Angaben des Innenministeriums fast 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Berliner Polizei stellt nach eigenen Angaben fest, dass Beiträge und Posts zur Bewerbung bei der Behörde sehr gut aufgenommen werden. Es gebe sehr viel gutes Feedback und auch direkte Nachfragen auf den einzelnen Kanälen, erklärt Anke Spielmann vom Social Media Team der Berliner Polizei. „Insbesondere auf Instagram werden sehr viele Direktnachrichten zum Einstellungsverfahren beantwortet.“ Positive Resonanz erzeuge auch der TikTok-Kanal, der seit Januar 2021 existiere und bis Mitte März mehr als 24 000 Follower zählte. Der Polizei in NRW folgten bis dahin sogar 159 000 Fans. Videos von Tanz-Choreographien uniformierter Beamter wurden teilweise hunderttausendfach geliked. Das reichweitenstärkste Video habe 4,3 Millionen Aufrufe erzielt, sagte Markus Niesczery.

Aber nicht jedes soziale Netzwerk ist gleichermaßen gut geeignet, um die jungen Menschen zu erreichen, wie Michael Heister vom
Bundesinstitut für Berufsbildung zu berichten weiß. Die Zielgruppe der 16- bis 24-Jährigen sei heute kaum noch auf Facebook, inzwischen auch weniger auf Instagram, aber dafür weit überwiegend auf TikTok aktiv, sagte der Experte, der zudem als Honorarprofessor an der
Hochschule Bonn-Rhein-Sieg aktiv ist. Die beliebte Kurzvideo-App aus China, die Datenschützer äußerst kritisch sehen, hatte bis Anfang März rund 800 Millionen Nutzer. Die deutliche Mehrheit ist zwischen 16 und 24 Jahren alt, ihre Nutzerquote liege bei 69 Prozent, sagt Michael Heister. Zum Vergleich: Instagram erreicht seine höchste Quote – mit 33 Prozent – nach Heisters Angaben bei den 25 bis 33-Jährigen.

Nicht nur bei der Polizei, sondern auch in Betrieben der freien Wirtschaft spielen soziale Medien eine immer größere Rolle, wenn es um die Besetzung von Stellen geht. Noch vor zehn Jahren suchten die Betriebe in nur rund acht Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Stellenbesetzungen auch über die sozialen Medien nach geeigneten Bewerbern, sagt Alexander Kubis vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Im Jahr 2019 waren es bereits 30 Prozent der Stellenbesetzungen. Als Instrument zur Außendarstellung sind soziale Medien für viele Betriebe und Einrichtungen zwar keine Neuheit. „Als Mittel zur betrieblichen Personalrekrutierung kommt es aber erst in der jüngeren Vergangenheit bei einzelnen Betrieben verstärkt zum Einsatz“, erklärt Kubis.

Aber wie steht es um die Seriösität und Autorität des Polizeibeamten, wenn er sich im Internet als lustiger Kumpel darstellt? „Eine proaktive Kommunikation verbunden mit dem Dialog schafft Vertrauen in Polizeiarbeit“, sagt Anke Spielmann. Die zielgruppengerechte Sprache in den sozialen Medien biete die Möglichkeit zur bürgernahen Kommunikation. „Und das Einsatzgeschehen der Stadt eignet sich durchaus an der einen oder anderen Stelle zur Unterhaltung.“

Ähnlich sieht es die Polizei in NRW: So könne es einzelne Anlässe geben, bei denen sich ein Post mit Augenzwinkern anbiete, sagt Markus Niesczery. „Hier kann die Polizei Menschlichkeit zeigen und ein Wir-Gefühl erzeugen, dabei darf die Professionalität aber nie verloren gehen.“

© dpa-infocom, dpa:210404-99-80288/3

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Forschungsinstitut betriebliche Bildung

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