Archivierter Artikel vom 28.03.2020, 11:12 Uhr

US-Regisseur

Umstrittene Memoiren von Star-Regisseur Woody Allen

Mit mehr als 50 Filmen und mehreren Oscars ist Woody Allen einer der erfolgreichsten Regisseure der vergangenen Jahrzehnte. Überschattet wird seine Karriere aber von Missbrauchsvorwürfen der Adoptivtochter. Jetzt wehrt sich Allen in – von Protesten begleiteten – Memoiren.

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Regisseur Woody Allen
Woody Allens umstrittene Memoiren sind doch veröffentlicht worden.
Foto: Tristan Fewings/GETTY IMAGES Pool/epa/dpa

New York (dpa). Rund 250 Seiten lässt sich Woody Allen Zeit, bis er zu dem „Schlamassel“ kommt, der die Stimmung rund um die Veröffentlichung seiner Memoiren überhaupt so aufgeheizt hat. „Auch wenn ich hoffe, Sie haben das Buch nicht bloß wegen dieser Geschichte gekauft“.

Seit Jahrzehnten feiert Allen als Regisseur, Schauspieler, Dramaturg und Jazz-Musiker Erfolge. Zahlreiche Preise, darunter mehrere Oscars, hat der 84-Jährige eingesammelt und sich von Hollywood trotzdem immer gerne ferngehalten. Überschattet wird die Karriere des Regisseurs von Filmen wie „Der Stadtneurotiker“ und „Midnight in Paris“ aber seit langem von Missbrauchsvorwürfen einer Adoptivtochter, die im Zuge der „MeToo“-Bewegung gegen sexuelle Belästigung erneut hochkochten – und nun beinahe auch die Veröffentlichung seiner Memoiren verhindert hätten.

Der US-Verlag Hachette nahm das Buch mit dem Originaltitel „Apropos of Nothing“ nach Protesten von Mitarbeitern und aus der Familie Allens wieder aus dem Programm, kurz darauf schnappte sich der Arcade-Verlag das Werk und veröffentlichte es umgehend. Auch in Deutschland gab es Proteste, trotzdem brachte der Rowohlt-Verlag „Ganz nebenbei“ in der vergangenen Woche als E-Book und am Samstag auch als gebundenes Buch heraus.

Rund 450 Seiten hat die Autobiografie des Mannes mit der wohl bekanntesten Brille der Filmgeschichte. Es geht um seine Kindheit als Allan Stewart Konigsberg, Sohn jüdischer Eltern in Brooklyn, ein „ängstliches, nervöses, emotionales Wrack“ und „Spaßbremse auf jeder Party“, die am liebsten die Schule schwänzt und nach Manhattan abhaut, um sich dort stundenlang Kinovorstellungen und Mädchen anzuschauen. Es geht um Allens Aufstieg in der Entertainment-Branche, als Comedian, Witze-Schreiber, Dramaturg, Drehbuch-Autor, Schauspieler und schließlich Regisseur. Es geht um seine Eigenarten als „chronisch unzufriedener Charakter“, der noch nie einen Computer benutzt hat. Es geht um seine Kollegen, seine Branche, um Reisen – und es geht um Frauen, viele, viele Frauen.

Zwei Ehen von Allen scheiterten nach nur wenigen Jahren, die dritte hält inzwischen seit fast einem Vierteljahrhundert. Rund ein Viertel des Buches aber widmet der Regisseur seiner Beziehung zu Schauspielerin Mia Farrow, die etwa 12 Jahre hielt, nie zur Ehe wurde, aber Allens Leben für immer verändern sollte.

Gemeinsam adoptiert das Paar zwei Kinder und bekommt schließlich ein leibliches, dessen Vaterschaft allerdings bis heute nicht geklärt ist. Dass Ronan Farrow Frank Sinatras Sohn sei, sei durchaus „möglich“, schreibt Allen.

Zum großen Knall kommt es 1992. Erst verliebt sich Allen in Farrows Adoptivtochter Soon-Yi Previn, mit der er heute verheiratet ist, zwei Töchter adoptiert hat, der er das Buch gewidmet hat und von der er ausschließlich in den höchsten Tönen schwärmt. Farrow erfährt von der Beziehung durch Nacktfotos ihrer Adoptivtochter, die sie auf Allens Kaminsims entdeckt. Die anschließende Schlammschlacht beherrschte monatelang die Schlagzeilen der Klatschpresse.

Auf dem Höhepunkt werfen Farrow und die gemeinsame Adoptivtochter Dylan Allen sexuellen Missbrauch des Kindes vor. Allens Version der Geschichte, die in Farrows Sommerhaus in Connecticut spielt, lautet so: „Alle Kinder saßen mitsamt Babysittern im Fernsehraum. Der Raum war also voller Leute. Da auf dem Boden kein Platz mehr war, setzte ich mich auf den Boden. Möglicherweise habe ich den Kopf kurz zurückgelehnt ans Sofa und dabei auf Dylans Schoß. Anstößig war daran nichts.“ Und weiter: „Ich glaube, Dylan hat ihrer Mutter gegenüber nie behauptet, sie sei unsittlich berührt worden. Diese Version der Ereignisse stammte vielmehr allein von Mia.“

Der Regisseur hat die Missbrauchsvorwürfe immer bestritten, ein Gericht gab ihm schon vor Jahrzehnten weitgehend recht. Adoptivtochter Dylan hat immer dagegengehalten. Seit den Vorwürfen haben die beiden keinerlei Kontakt mehr. „Dass ich Dylan nicht aufwachsen sehen durfte, gehört zu den traurigsten Dingen meines Lebens“, schreibt Allen. Und: „Soon-Yi und ich würden Dylan mit offenen Armen empfangen, wenn sie doch einmal Kontakt zu uns aufnehmen sollte.“

Ob das Buch allerdings zu einer Versöhnung beitragen dürfte, scheint fraglich, denn Dylans Mutter Mia Farrow greift Allen gleichzeitig auf das Schärfste an, wirft ihr vor, ihre Kinder grausam behandelt und geschlagen zu haben. Weil er eine Beziehung mit ihrer Adoptivtochter angefangen habe, habe Farrow einen Rachefeldzug angezettelt. „Sie überschritt alle Grenzen und das, was sie mit ihrer nachvollziehbaren Wut schließlich anrichtete, ist unverzeihlich und skrupellos.“

Er lebe „in einer Art Blase“, schreibt Allen. Lob oder Kritik an seiner Arbeit interessierten ihn nicht. Das dürfte dem Regisseur auch diesmal helfen, denn die meisten Kritiken in den USA waren bislang vernichtend. Das Werk sei eine „oberflächliche Übung in Selbstmitleid“, schrieb die „USA Today“ und die „New York Post“ bezeichnete es sogar als „ekelhafte, geschmacklose, lächerliche Autobiografie“. Lediglich die extrem konservative „National Review“ feierte es als „lustiges Buch von einem der sprühendsten Geister der Geschichte“.

Allens Karriere schien zuletzt weitgehend vorbei, mit dieser Autobiografie, die über weite Strecken wenig originell und selbstgerecht geschrieben ist, hat er sich nun wieder in die Schlagzeilen gebracht. Allen sieht sich als „verleumdete Seele, die natürlich am Ende triumphieren wird“ und schlussfolgert: „Stürbe ich in diesem Augenblick, könnte ich mich nicht beklagen.“

Bericht der USA Today

Bericht des Hollywood Reporter

Bericht der National Review

Bericht der New York Post

Ganz nebenbei