Archivierter Artikel vom 22.09.2020, 08:52 Uhr

Corona-Krise

Tenor Jonas Kaufmann: Weniger Rekorde, mehr leben

Opernstar Jonas Kaufmann war in diesem Jahr viel zuhause. Entstanden sind ein Kammermusik-Album und eine Amazon-Doku, in der der bayerische Tenor mit Familie und Freunden den Kochlöffel schwingt. Das soll auch nach der Rückkehr auf die Bühne nicht zu kurz kommen.

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Jonas Kaufmann
Jonas Kaufmann spricht über seine Erfahrungen in der Corona-Zeit.
Foto: Peter Kneffel/dpa

Wien (dpa). Anfang März stand Jonas Kaufmann noch in einem gefeierten „Fidelio“ auf der Bühne des Royal Opera House in London. Vorhang zu, Corona-Krise. Zwangsurlaub auch für den 51-Jährigen, der als einer der berühmtesten Tenöre der Welt seinen Terminkalender sonst locker vierfach füllen könnte.

Unverhofft kam so die Auszeit, mit der er davor schon geliebäugelt hatte, wie er der Deutschen Presse-Agentur in Wien erzählt. Viel Zeit also, die Kaufmann statt auf Tour mit seiner Familie in seinem Haus in Bayern verbrachte.

Der Abstecher ins Private spiegelt sich in Kaufmanns neuem Album „Selige Stunde“ – einer Kammermusik-Sammlung im wortwörtlichsten Sinne, die unter improvisierten Bedingungen zuhause entstand. Einen Blick durchs Fenster liefert dazu ein Film über Kaufmanns Leben jenseits der Bühne, der ab Mittwoch auf Amazon Prime Video zu sehen ist. Beides beschreibt Kaufmann als lang angedachte Projekte, für die vorher nie Zeit war: „Letztlich ein Geschenk der Corona-Krise, so muss man es sehen“, sagt er.

Der Film „Jonas Kaufmann – Ein Weltstar ganz privat“ begleitet den gebürtigen Münchner in knapp 75 Minuten von umjubelten Auftritten in sein Haus, zu seiner Frau und vier Kindern. Dort herrscht viel Dolce Vita barfuß auf Holzböden, Kaufmann als unbedingter Familienmann, der nachdenklich im Fenster sitzt, viel herzlich lacht, mit der Tochter werkelt, für Freunde kocht und seinen Espresso perfektioniert. In einem hellen Raum unter dem Dach singt er, am Klavier sein alter Professor und Freund, der österreichische Pianist Helmut Deutsch.

Genau dort wiederum nahmen Kaufmann und Deutsch zusammen „Selige Stunde“ auf, Lieder, die einen Bogen vom Romantischen wie Schumanns „Mondnacht“ bis zur inneren Isolation von Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ spannen. Da ein Studio im Lockdown nicht zu bekommen war, wurde es Kammermusik im wahrsten Sinne. „Es ist genau aus diesem Gefühl heraus entstanden. Das ist ja über Jahrhunderte hinweg letztlich vor allem eine Art von Hausmusik gewesen, der Hausschatz“, sagt Kaufmann.

Erzählt er vom Aufnahmeprozess, gerät er ins Schwärmen. „Allein der Gedanke, dass man sagt, wenn's heute nicht klappt, machen wir morgen weiter. Das war einfach herrlich. Es ist so angenehm, ohne diesen Zeitdruck einfach Musik zu machen und nur weil es schön ist, es einfach nochmal zu machen“, sagt Kaufmann. „Niemand drückt auf die Tube oder schaut auf die Uhr, sondern man arbeitet so lange, bis man zufrieden ist.“

Lange kam Kaufmann der Welt indes nicht abhanden: Schon im Sommer stand er in einer Reihe von Open-Air-Konzerten wieder auf der Bühne. Am 27. September öffnet sich dann mit Verdis „Don Carlos“ in der französischen Urfassung an der Wiener Staatsoper wieder ein Eiserner Vorhang für ihn – ein fünfstündiger Marathon mit fünf Akten und zwei Pausen ist angedacht, fast wie vor Corona. „Das ist natürlich eine absolute Luxussituation hier“, sagt Kaufmann über die im Vergleich zu anderen Ländern quasi normalen Proben an der Staatsoper. Künstler werden dafür ständig getestet und führen Kontakttagebuch.

Versuche, die große Oper etwa mit ausgedünntem Orchester oder weiten Bühnenabständen künstlerisch an die Corona-Bedingungen anzupassen, findet der Tenor schwierig. „Das sogenannte große Gefühl stellt sich dann nicht ein und dann ist die Frage: Wozu macht man's?“, überlegt Kaufmann. Andererseits betont er auch: „Ich bin sehr froh und dankbar, dass es zumindest im deutschsprachigen Raum immer mehr Theater gibt, die wieder geöffnet haben.“

Die New Yorker Metropolitan Opera gehört noch nicht dazu, im Juli lieferte Kaufmann dafür das erste Konzert ihres eigens geschaffenen Livestream-Programm: Er und Deutsch traten im bayerischen Kloster Polling auf – vor weltweitem Publikum, aber allein im Saal.

Ein Höhepunkt war das aus seiner Sicht nicht. „Es hat einen sehr schalen Beigeschmack, wenn man einfach in den Raum hinein singt, ohne dass es irgendwas bewirkt, ohne dass es irgendwo heraus hallt“, beschreibt Kaufmann. Reaktionen online seien nicht das Gleiche wie Applaus. Streaming: eher eine Notlösung. „Ich habe es begrüßt, dass man das überall gemacht hat. Man hat einen Weg gesucht, das Publikum zu finden. Aber das war's jetzt auch.“

Bestärkt hat die Corona-Krise den Künstler aber in seinem schon vorher bestehenden Wunsch, mehr Ruhephasen einzubauen. Über die Jahre habe er gelernt, mehr Luft im Kalender zu lassen, erzählt er. Mehr als ein Jahrzehnt an der Weltspitze hinterlässt Spuren: harte Arbeit, dort zu bleiben und den Erwartungen gerecht zu werden. „Diesem Druck, der daraus folgt, dem muss man standhalten können, ohne sich zu zwingen, ohne sich kaputtzumachen, sondern das Ganze locker und sportlich nehmen und dabei auch noch Spaß haben“, so Kaufmann.

„Es ist jetzt nicht so, dass ich ans Aufhören denke, weil mir klar ist, dass es noch mehr Jahre gibt, die ich singen kann und will, als momentan geplant wird – und wir planen meistens vier bis fünf Jahre im Voraus. Es ist also noch keine Endzeitstimmung“, sagt der 51-Jährige. „Aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich das noch bis Mitte 70 ganz genauso weitermachen möchte. Man wird abgeklärter, wird weniger heißspornig, versucht nicht immer wieder neue Rekorde aufzustellen, sondern versucht eher zu leben.“

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