Archivierter Artikel vom 08.02.2011, 13:22 Uhr
Paris

Stéphane Hessel über Revolte und Politik

Stéphane Hessel ist mit seinem Buch «Empört euch» in Frankreich über Nacht zum Medienstar geworden. In dem knapp 30-seitigen Text ruft er zum Protest gegen Ungerechtigkeit und das Finanzmonopol auf.

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Stéphane Hessel
Stéphane Hessel ist mit seinem Buch «Empört euch» in Frankreich über Nacht zum Medienstar geworden. I

An diesem Dienstag (8. Februar) erscheint das kleine Buch auf Deutsch. Was der 93-jährige Widerstandskämpfer, Überlebender des KZ Buchenwald, Diplomat und Mitunterzeichner der Charta der Menschenrechte (1948), von seinen Lesern und den politischen Entscheidungsträgern erwartet, erzählte er in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Frage: Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres Buches?

Hessel: «Es ist günstig, die Präsentation ist ansprechend, und es hat einen spannenden Titel. Aber abgesehen von diesen Formalien glaube ich, dass es in Frankreich, vielleicht auch in Deutschland und anderswo, zu einem Zeitpunkt erscheint, wo die jungen und weniger jungen Menschen sich Sorgen um die Zukunft machen. Sie haben kein Vertrauen mehr in die Regierungen, die keine richtigen Zukunftsvisionen bieten. Sie verlangen bessere Aussichten als die, die wir haben. Wir stehen im 21. Jahrhundert vor einer Art Abgrund.»

Ist der Widerstand heute in der arabischen Welt die Antwort, für die Sie sich in Ihrem Buch aussprechen?

Hessel: «Ja, aber ich betone, mein kleiner Text ist kein revolutionäres Manifest. Er sagt nicht, dass man auf die Straße gehen soll. Sondern sagt, wir haben keine richtigen Grundwerte mehr, auf die wir unsere Zukunft aufbauen können. Diese Grundwerte müssen wir wieder finden. Was in Tunesien und Ägypten stattfindet, ist eine Erneuerung des politischen Denkens.»

Sie nennen die Résistance als Quelle Ihrer Empörung. Heute haben sich die Lebensbedingungen geändert, da lassen sich doch die Erfahrungen aus einer Kriegs- und Widerstandszeit nicht so einfach übertragen?

Hessel: «Nicht die Erfahrungen, aber die Grundwerte. Die Bedingungen im Jahr 2011 sind natürlich ganz andere, aber um unsere anderen Bedürfnisse, Bedingungen und Ziele in ein politisches Programm umwandeln zu können, brauchen wir das Wiederinkrafttreten der Grundwerte, die wir zwischendurch etwas vergessen haben.»

In Ihrem Text zeigen Sie, wo in der französischen Gesellschaft der Schuh drückt. Warum geben Sie dem Leser keine Lösungen mit an die Hand?

Hessel: «Mein Text will kein Programm sein, kein Manifest. Ich will das Verantwortungsbewusstsein des Lesers sensibilisieren. Ich will ihn in die Verantwortung nehmen. Ich habe ganz bewusst keine Lösungen vorgeschlagen. Dafür gibt es andere Bücher.»

Sind die Grundwerte der französischen Republik wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit gefährdet?

Hessel: «Ja, aber nicht nur in Frankreich. Bestimmte Grundwerte des Wohlfahrtstaates sind gefährdet. Für uns Demokratien ist es ganz besonders empörend, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Diese Schuld tragen die Regierungen. Ich glaube, was für Frankreich gilt, gilt für viele Länder. Dass mein Büchlein in 15 Sprachen, unter anderem auch auf Japanisch und Südkoreanisch, übersetzt wird, zeigt doch, dass etwas im Argen liegt.»

Kann die Moral die Politik ersetzen?

Hessel: «Ersetzen kann sie sie natürlich nicht. Politik ist eine Kunst, die Aristoteles als die beste Art und Weise definiert, das Zusammenleben mit anderen zu organisieren, und das ist die Aufgabe einer Regierung. Aber das Zusammenleben muss auf moralischen Grundwerten beruhen.»

Die Franzosen gehen auf die Straße, sobald es um ihre soziale Sicherheit geht. Wie erklären Sie sich die unterschiedliche Streikmentalität diesseits und jenseits des Rheins?

Hessel: «Franzosen und Deutsche haben eine ganz unterschiedliche politische Erziehung. Frankreich kann auf eine Revolution zurückblicken. Deutschland ist zum Teil noch von einer preußischen Mentalität geprägt. Ich weiß, was das heißt, denn meine Mutter stammte aus Preußen.»

Sie sind 93 Jahre alt. Welchen Rat geben Sie für ein langes Leben?

Hessel: «Meine Mutter war sehr fürsorglich. Sie sagte, ich soll nicht rauchen, aber auch keinen Sport treiben. Ich habe viel Freude am Leben. Ich bin ein glücklicher Mensch.»