Archivierter Artikel vom 20.05.2010, 12:08 Uhr

Sinatras Erbe ­ Richard Hawley beglückt in Berlin

Berlin (dpa) ­ Diese Stimme: sie schmachtet und schmeichelt, beruhigt und berührt. Es sind die besten Popsänger der vergangenen 50 Jahre, an die man denkt, wenn Richard Hawleys samtiger Bariton ertönt.

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Richard Hawley
Der britische Musiker Richard Hawley in der Passionskirche in Berlin.

Frank Sinatra, Roy Orbison, Johnny Cash, Scott Walker ­ Hawleys Gesang hat von allen etwas. Je nachdem, ob er eine traurige Mitternachtsballade, einen Rockabilly-Stampfer oder einen Countryfolk-Schleicher singt, ach was: zelebriert. Dass der Brite überdies ein begnadeter Gitarrist ist, rückt bei einem Konzert fast ein wenig in den Hintergrund.

Die Berliner Passionskirche mit ihrem wuchtigen Hall bietet am Mittwochabend das passende Ambiente für diesen mittelalten, stilvoll gekleideten, liebenswürdig-bescheidenen Mann und seine große Stimme. Die Präsenz des Sängers mit der Elvis-Tolle ist so überragend, dass seine Mitstreiter erst nach und nach als ebenso brillante Musiker hervortreten.

Es sind Hawleys alte Kumpels aus der Heimatstadt Sheffield, die ihn seit Jahren auf seinen Soloplatten begleiten, wie Colin Elliot am Bass oder Shez Sheridan an diversen Gitarren. Aber auch David Coulter gehört zur Live-Band, ein Spezialist für ungewöhnliche Instrumente wie Ukulele oder singende Säge, der er mit einem Geigenbogen unfassbare Töne entlockt.

Im Eröffnungslied «As The Dawn Breaks» muss sich die Säge ­ selbstverständlich aus Sheffield-Stahl – das Rampenlicht mit anderen Exoten wie Standbass und Mandoline teilen. Der melancholische Song stammt von dem Album «Truelove's Gutter», einem ambitionierten Meisterwerk voller dunkel dahinfließender Kompositionen mit Überlänge, das im vorigen Herbst erschien. Hawley hat es – nach dem großen Erfolg der Vorgänger «Coles Corner» (2005) und «Lady's Bridge» (2007) in Großbritannien – seiner Plattenfirma als kompromissloses Statement des künstlerischen Eigensinns abgetrotzt.

Die Songs dieser grandiosen Platte bilden das Gerüst des rund 80- minütigen Berliner Konzerts vor einem ebenso gebannten wie begeisterten Publikum. Die Gänsehaut-Momente folgen dicht aufeinander. In «Soldier On» braust nach ruhigem Beginn ein Gitarren-Orkan mit krönendem Hawley-Solo auf. «Open Up The Door» und «For Your Lover Give Some Time» sind schmerzhaft schöne Liebeslieder eines Mannes, dem Beziehungsturbulenzen nicht fremd sind. «Remorse Code», einer dieser ausufernden Zehnminüter, erzählt ­ ebenfalls autobiografisch? – von Sucht und Absturz. Auch dieses Lied im Cinemascope-Format präsentiert Hawley als Meister seiner schwarz-weiß schimmernden Edelgitarre.

Obwohl die Passionskirche fast ausverkauft ist ­ Richard Hawley hat in Deutschland nicht den Bekanntheitsgrad, den er verdient hätte. Vielleicht ist er als «Crooner», als Edelsänger in der Tradition der großen Meister, zu sehr aus der Zeit gefallen für den Massenerfolg. Als bekennender Linker mit Wurzeln in der britischen Arbeiterklasse ist der 43-Jährige wohl auch zu sperrig für Zugeständnisse an den Kommerz. Seine seltenen Konzerte «auf dem Kontinent» dürften daher große Festabende für ein eher kleines Publikum bleiben. Für Menschen, bei denen ­ wie in Berlin zu beobachten – auffällig oft die Augen feucht werden.

(Weitere Auftritte in Deutschland: 20. Mai Hamburg, 21. Mai Köln)

www.richardhawley.co.uk