Archivierter Artikel vom 09.07.2010, 09:40 Uhr
Darmstadt

Reinhard Jirgl erhält Georg-Büchner-Preis

Der Berliner Schriftsteller Reinhard Jirgl (57) bekommt den Georg-Büchner-Preis 2010. Bekannt ist der Autor vor allem für seine experimentelle Sprache.

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Reinhard Jirgl
Reinhard Jirgl erhält in diesem Jahr den Büchner-Preis.

Der in der DDR aufgewachsene Jirgl habe in «einem Romanwerk von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet», begründete die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt ihre Wahl.

Der mit 40 000 Euro dotierte Georg-Büchner-Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland. Im Vorjahr war Jirgl für seinen jüngsten Roman «Die Stille» für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Die Akademie erklärte in ihrer Begründung zur Preisverleihung: «Mit großer erzählerischer Sensibilität und Leidenschaft – geschützt durch den Firnis eines avantgardistischen Schreibgestus» erzähle der gebürtige Ost-Berliner von den Aufbrüchen und Katastrophen, den Kriegen und Vertreibungen, den Zeiten der Teilung und der schwierigen Vereinigung.

Wohl auch wegen seiner Experimentierfreude mit Sprache – in der Tradition etwa von Arno Schmidt – scheute das breite Publikum Jirgl bisher. So verwendet er Ziffern statt Wörtern oder Silben – schreibt etwa «1zige» statt «einzige», «&» oder «u» anstelle von «und», setzt Ausrufungszeichen vor Wörtern und Bindestriche scheinbar wahllos. In seinem Roman «Die Stille» finden sich Sätze wie: «?Hättest du=Anihrerstelle? nicht weinen müssen. Denn son Hochzeit's Tag gilt doch für 1 Frau als Der-Schönste-Tag=im-Le -»

«Er hat den Ruf als schwieriger Autor. Aber wenn man sich einmal auf die Zeichensetzung einlässt, ist sie überhaupt nicht schwer zu verstehen», meint sein langjähriger Lektor Wolfgang Matz (55) vom Münchner Carl Hanser Verlag. «Unter Kritikern, Kollegen und literarischen Lesen gilt er schon viele Jahre als einer der besten.» Jirgl selbst war am Freitag auf einer Lesereise in Niederösterreich unterwegs.

Der Autor erhielt zahlreiche Auszeichnungen: Etwa 1999 den Josef-Breitbach-Preis, 2003 den Kranichsteiner Literaturpreis, 2006 den Bremer Literaturpreis und 2009 den Lion-Feuchtwanger-Preis. Außerdem war er im Jahr 2007 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim und ist seit 2009 Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung.

Dabei wurde Jirgl, der bei seinen Großeltern in der Altmark im heutigen Sachsen-Anhalt aufwuchs, erst über Umwege Schriftsteller. Als gelernter Elektromechaniker studierte er Elektronik an der Berliner Humboldt-Universität. Von 1975 an schrieb Jirgl, der zunächst als Ingenieur arbeitete, Prosa und brachte es in der DDR auf sechs unveröffentlichte Bücher, darunter das Manuskript «Mutter Vater Roman». Dieses wurde vom Aufbau-Verlag wegen «nichtmarxistischer Geschichtsauffassung» abgelehnt. Seinen Unterhalt verdiente er sich während dieses Schreibens für die Schublade ab 1978 als Beleuchtungs- und Servicetechniker an der Berliner Volksbühne. Einer seiner Förderer war der Dramatiker und Regisseur Heiner Müller.

In der Nachwende-Zeit 1990 konnte Jirgls erstes Buch «Mutter Vater Roman» in einem von Gerhard Wolf edierten Literaturprogramm beim Aufbau-Verlag erscheinen. Der Durchbruch gelang ihm 1993, als er für das Manuskript seines fünften Romans «Abschied von den Feinden» den Alfred-Döblin-Preis erhielt, mit Feuilleton-Lob überschüttet und Autor des Hanser Verlags wurde. Dort erscheinen seine Bücher seither.

Seit 1996 ist Jirgl nicht mehr Techniker der Volksbühne, sondern freier Schriftsteller. Neben dem monumentalen, 533 Seiten langen Familienepos «Die Stille» hob die Akademie in ihrer Begründung den Roman «Die Unvollendeten» (2003) hervor. Hanser-Geschäftsführer Michael Krüger sagte: «Reinhard Jirgl ist der krasse Außenseiter der deutschen Literatur – und damit der ideale Büchner-Preisträger.» Der Preis wird auf der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung am 23. Oktober im Staatstheater Darmstadt übergeben.

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