Archivierter Artikel vom 06.12.2019, 16:10 Uhr

Country-Rap-Song

Rapper Lil Nas X landet den Hit des Jahres

Country-Rap ist ein Mix-Genre aus Pop, Country und Hip-Hop. Und der erst 20-jährige Rapper Lil Nas X beherrscht es virtuos. In den deutschen Jahrescharts steht er auf Platz eins.

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Lil Nas X
Lil Nas X bei den BET Awards in Los Angeles.
Foto: Chris Pizzello/Invision/dpa

Baden-Baden (dpa). Er ist gerade mal 20 Jahre alt, mischt unbeschwert Country und Hip-Hop und outet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere als schwul: der amerikanische Rapper Lil Nas X.

Mit seinem Song „Old Town Road“, bei dem er mit Country-Legende Billy Ray Cyrus zusammengearbeitet hat, hat er jetzt den Hit des Jahres auch in Deutschland gelandet. Das teilte GfK Entertainment als Ermittler der Offiziellen Deutschen Charts am Freitag in Baden-Baden mit. Das Album des Jahres kommt dagegen von den deutschen Brachialrockern von Rammstein. Ihr titelloses Album – oft als „Rammstein“ bezeichnet – schafft es mühelos auf den ersten Platz der Album-Jahrescharts 2019.

Country ist dem Klischee nach die Musik alter, weißer, Grashalm kauender Männer mit Cowboyhut und Gitarre. Damit ist sie so ziemlich das Gegenteil von dem, was man mit Hip-Hop verbindet. Doch vielleicht ist es gerade die selbstironische Mischung aus Country und Rap, die „Old Town Road“ zum Jahreshit gemacht hat. Textbeispiel: „Ich werde mein Pferd mitnehmen zur alten Stadtstraße. Ich werde reiten, bis ich nicht mehr kann.“

Mit dem Interpreten Lil Nas X, der sechsmal für den Grammy Ende Januar nominiert ist, erreicht die Diversität des Popgeschäfts eine neue Dimension. Er ist black, gay, queer. Auch wenn es manchem keine Meldung wert zu sein scheint, ist es bislang sehr außergewöhnlich, dass sich ein schwarzer Superstar des Rap-Genres auf dem Höhepunkt seines Erfolgs als homosexuell outet. Bürgerlich heißt Lil Nas X Montero Lamar Hill und stammt aus einem Vorort der Südstaatenmetropole Atlanta in Georgia.

Im US-Frühstücksfernsehen „CBS This Morning“ erklärte er Ende September, wie schwer ihm zunächst die Leichtigkeit angesichts einer schwulenfeindlichen Umgebung gefallen sei. Als Jugendlicher sei er wegen seiner sexuellen Orientierung ziemlich verzweifelt gewesen, bekannte er. Er habe damals versucht, das Schwulsein wegzubeten.

Hinter Lil Nas X und seiner „Old Town Road“ landete in den Single-Jahrescharts das Lied „Dance Monkey“ der australischen Singer-Songwriterin Tones And I, gefolgt von „Roller“ von Rapper Apache 207, der Herzschmerz-Hymne „Vermissen“ von Juju feat. Henning May, „Sweet But Psycho“ von Ava Max, „Bad Guy“ von der erst 17-jährigen Billie Eilish aus Los Angeles und dem Sommerhit „Señorita“ von Shawn Mendes und Camila Cabello.

Bei den Alben triumphierte in den Jahrescharts die Band Rammstein, deren Mitglieder als Meister der Ambivalenz gelten. Nach zehn Jahren ohne neues Album verkaufte die Band allein in den ersten sieben Tagen 260 000 Einheiten, wie es von GfK Entertainment heißt.

Zuvor hatte Rammstein im Frühling ein Video veröffentlicht, das Proteste auslöste: In einer kurzen Sequenz, die im kompletten Video zum Lied „Deutschland“ kaum noch eine Rolle spielt, sind Mitglieder der Band in Kleidung zu sehen, die an die von KZ-Häftlingen erinnert.

Im Laufe des Jahres blieb das Album mit Songs wie eben „Deutschland“, aber auch „Ausländer“, „Sex“, „Tattoo“ und „Zeig dich“ vier Wochen an der Spitze, kam auf 18 Top-Ten-Wochen.

Ein großer Erfolg war auch die Tournee der Band. Aufsehen erregten dabei im Sommer auch Rammsteins deutliche Statements der Solidarität mit der LGBT-Gemeinde, insbesondere in Russland, einem Land, in dem Menschenrechtler immer wieder brutale Übergriffe auf Homosexuelle beklagen. Die Bandmitglieder Richard Kruspe und Paul Landers küssten sich in Moskau auf der Konzertbühne und posteten das später bei Instagram mit dem Kommentar: „Russland, wir lieben dich.“

Beim Konzert im polnischen Chorzów schwenkten Landers und Schlagzeuger Christoph Schneider in Schlauchbooten, in denen sich die Musiker über die Menge zur Hauptbühne tragen lassen, die Regenbogenfahne als Zeichen der Akzeptanz Von LSBTTIQ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle, Queer). Auch in Polen werden Nicht-Heterosexuelle immer wieder drangsaliert.

Rammstein-Sänger Till Lindemann feierte noch einen weiteren Charterfolg in diesem Jahr. Gemeinsam mit dem schwedischen Multiinstrumentalisten Peter Tägtgren brachte er eine zweite Platte heraus: Das Werk „F & M“ stürmte ebenfalls an die Chartsspitze.

Hinter Rammstein landeten in den Album-Jahrescharts weitere deutschsprachige Musikstars wie Sarah Connor („Herz Kraft Werke“), Udo Lindenberg („MTV Unplugged 2 – Live vom Atlantik“), Herbert Grönemeyer („Tumult“) und die Schlagersängerin Andrea Berg („Mosaik“). Von Helene Fischer, die letztes Jahr mit dem nach ihr benannten Album zum zweiten Mal in Folge den ersten Platz erobert hatte, ist diesmal in den Top 10 keine Spur. Sie pausierte musikalisch.

Die Jahreswertung von GfK Entertainment wurde 2019 schon zum zweiten Mal Anfang Dezember bekanntgegeben – anders als früher, als sie erst Anfang Januar kam. Mit dem neuen Modus lieferten die Jahrescharts dann Orientierung, wenn sie nötig sei, was für viele Fans, Künstler und Medien eben vor Weihnachten der Fall sei, hieß es.

Lil Nas X: Old Town Road

Tones and I: Dance Monkey

Apache 207: Roller

Juju feat. Henning May: Vermissen

Ava Max: Sweet but Psycho

Billie Eilish: Bad Guy

Shawn Mendes/Camila Cabello: Señorita

Rammstein

Rammstein Official/Youtube

Lil Nas X bei “CBS This Morning"