Archivierter Artikel vom 14.03.2011, 13:26 Uhr
Düsseldorf

Klee als Scan – Digitale Revolution im Museum

Das digitale Zeitalter in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen wird im Keller eingeläutet. In einem hohen Raum bei gedämpftem Licht arbeitet leise summend ein Hochleistungsscanner.

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Kunst wird gescannt
Sven Schönauer scannt ein Bild des italienischen Malers Giorgio Morandi.
Foto: DPA

Der Techniker Sven Schönauer von der Firma Recom Art trägt weiße Baumwollhandschuhe und schiebt vorsichtig ein Stillleben von Giorgio Morandi unter zwei Lichtwannen. Jeder Quadratmillimeter des Gemäldes wird vom Sanner erfasst. Kunstwerke verwandeln sich in Stammdatensätze, die in Computern gespeichert werden.

Die hochauflösenden digitalen Bilder kommen den Originalen so nahe, dass man unwillkürlich über ein Scan-Blumenbild von Monet streichen möchte, um die wellenartige Pinselstruktur mit den Fingern zu fühlen. Doch die Oberfläche ist glatt – ein «Digitalisat». «Ohne Aura», wie der Philosoph Walter Benjamin sagen würde, der mit seinem Essay über das «Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» schon 1936 über die Vervielfältigung von Kunst sinnierte.

«Noch bei der höchstvollendeten Reproduktion fällt eines aus: das Hier und Jetzt des Kunstwerks – sein einmaliges Dasein an dem Orte, an dem es sich befindet», schrieb Benjamin. Die Aura eines Werks verkümmere. Heute, ein Dreivierteljahrhundert später, ist die Digitalisierung ein Segen für die Museen. «Ein Quantensprung der Reproduktionstechnik», sagt der kaufmännische Direktor der Kunstsammlung, Hagen Lippe-Weißenfeld, über das Scannen von Kunst.

99 Werke Klees, die den Grundstock für die vor 50 Jahren gegründete Sammlung bildeten, lässt die landeseigene Galerie in einem Pilotprojekt scannen. Zwei Wochen dauert die Aktion. Ein großer logistischer Aufwand für eine Abtastungsdauer von nur bis zu 40 Minuten pro Bild: Die Gemälde müssen entrahmt, gescannt, wieder gerahmt und wieder aufgehängt werden.

Mehrere Vorteile sehen die Museumsleute in der Digitalisierung von Gemälden: Die genaue Oberflächendokumentation diene als Referenz dafür, um über einen längeren Zeitraum Schäden oder Veränderungen am Kunstwerk zu beurteilen, sagt Chefrestaurator Werner Müller. In der Vergrößerung auf dem Computerbildschirm ist jedes Staubkorn, jeder Riss, jede Druckstelle, jede feine Papierfaser erkennbar.

Marketingabteilungen können mit den «Digitalisaten» Kataloge, Prospekte, Plakate oder virtuelle Museumsrundgänge im Internet bestücken. Arbeitsprozesse würden «effizienter», sagt Recom-Geschäftsführer Florian Schmid. Testprojekte hat die Firma bereits in der Kunsthalle Hamburg und der Stuttgarter Staatsgalerie unternommen. Die Kunstsammlung NRW hat erstmals ein ganzes Konvolut von Werken eines Künstlers in Auftrag gegeben.

So ein «Digitalisat» hält lange, und die Qualität bleibt immer gleich – wenn nicht gerade der Server abstürzt oder die Datensätze von neuen Computergenerationen nicht mehr gelesen werden könnten. Und wenn die Digitalisate das Begehren von Fälschern wecken? Die Stammdatensätze würden «extrem gesichert und absolut sicher abgelegt», sagt Restaurator Müller. Für die Weiterverwertung etwa in Katalogen wird nie der gesamte Datensatz eines Bildes weitergegeben. Ohnehin würde es zwei Stunden und länger dauern, bis ein normaler Computer den Datensatz für ein Gemälde geöffnet hätte.

«Das Kunstwerk behält seine Aura», ist sich Müller sicher. Den gesamten Bestand wird die Kunstsammlung NRW in absehbarer Zeit noch nicht per Scan archivieren – Lippe-Weißenfeld muss die Kosten im Auge behalten. Und er will Befürchtungen zerstreuen, dass durch die Möglichkeiten der Digitalisierung einst der Museumsbesuch unnötig wird. «Das Digitalisat ersetzt das Original in keiner Weise», betont er. «Wir wollen nichts machen, was die Besucher davon abhält, das Haus zu besuchen.»