Archivierter Artikel vom 06.07.2010, 11:24 Uhr
München

Kent Nagano verlässt München

Jetzt ist es offiziell: Der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, Kent Nagano, verlässt München. Für eine Vertragsverlängerung über 2013 hinaus will der 58-Jährige nicht mehr zur Verfügung stehen, wie der weltberühmte und beim Münchner Publikum beliebte Dirigent in einem Brief schrieb, den seine Agentur am Dienstag veröffentlichte.

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Kent Nagano
Kent Nagano verlässt München.

Er ist damit in wenigen Monaten schon der dritte Hochkaräter in der Münchner Kulturszene, der die Stadt verlässt. Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) wollte den Vertrag mit Gärtnerplatz-Intendant Ulrich Peters nicht verlängern, den Direktor des Hauses der Kunst, Chris Dercon, zieht es zur Tate Modern nach London – und jetzt geht auch Nagano.

Wahrscheinlich kam der US-amerikanische Dirigent mit japanischen Wurzeln mit seinem Rückzug seinem Vertragsende zuvor. Wie die «Süddeutsche Zeitung» in der vergangenen Woche berichtete, hatte Heubisch Nagano bereits am Telefon darüber in Kenntnis gesetzt, dass er dessen Engagement nicht verlängern wolle.

«Ich bin echt sprachlos, dass der Kultur- und Kunstminister schon ein drittes Schwergewicht ziehen lässt», sagte die SPD- Kulturpolitikerin Isabell Zacharias der Nachrichtenagentur dpa. «Das ist so bitter, das ist so provinziell.» Heubisch selbst ließ am Dienstag als Reaktion auf Naganos Brief mitteilen, er nehme dessen Entschluss «mit großem Respekt und Bedauern zur Kenntnis».

Münchner Blätter und viele in der Kulturszene vermuten allerdings, Spannungen zwischen dem zurückhaltenden Nagano und dem impulsiven Intendanten der Staatsoper, Nikolaus Bachler, seien der Grund dafür, dass Heubisch den Dirigenten loswerden wollte. «Es wäre Aufgabe des Kunstministers gewesen, hier moderierend einzugreifen», kritisierte Zacharias. Bachler wird von Insidern gerne als «Platzhirsch» bezeichnet.

Nach den Gerüchten um seine Zukunft ging Nagano nun in die Offensive. «Angesichts der kulturpolitischen Entwicklungen der letzten Monate in München – am Staatstheater am Gärtnerplatz und bei den Münchner Philharmonikern – und deren Folgen sowohl für den Ruf dieser Institutionen als auch für den der Stadt, habe ich mich entschlossen, für eine Vertragsverlängerung als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper nach dem Sommer 2013 nicht zur Verfügung zu stehen», schreibt er in dem Brief.

Damit nimmt Nagano auch Bezug auf den Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker, Christian Thielemann, der nach Querelen um seine Vertragsverlängerung im vergangenen Jahr das Handtuch warf und 2012 nach Dresden an die Sächsische Staatskapelle wechselt. Die Debatte um die Vertragsverlängerung mit dem Gärtnerplatz-Intendanten Peters sorgte im März für einen handfesten Streit zwischen den bayerischen Koalitionspartnern CSU und FDP.

«Was Nagano schreibt, ist eine Kritik an der Kulturpolitik, die ich so deutlich noch nie von einem Kulturschaffenden gehört habe», sagte die SPD-Politikerin Zacharias. Nagano wolle der Öffentlichkeit und der Stadt München eine «Atmosphäre kulturpolitischer Spekulationen und Spannungen» ersparen, die «der noblen, einmaligen Tradition der Bayerischen Staatsoper, dem Ruf Münchens und seiner Gesellschaft nicht gerecht werden», schrieb der Dirigent in dem Brief, den er mit «with my heartfelt appreciation and dedication» («mit meiner tief empfundenen Anerkennung und Hingabe») unterzeichnete.

Für Thielemann hat die Stadt München mit Lorin Maazel zwar einen hochkarätigen Nachfolger verpflichten können – wer Naganos Posten übernehmen kann, ist indessen offen. Bachler hat sich immer wieder dafür ausgesprochen, auch Nachwuchs-Dirigenten eine Chance zu geben. Heubisch hält sich aber bedeckt. Schon vor dem offiziellen Rückzug Naganos hatte er betont, er wolle erst im Herbst darüber entscheiden, wer in Zukunft die musikalische Leitung der Staatsoper übernimmt.

Mit der Spielzeit 2013 enden nun gleichzeitig die Verträge von Bachler, Nagano und Ballettdirektor Ivan Liska. Zacharias warf Minister Heubisch Planlosigkeit und Beliebigkeit vor: «Es gibt keine Äußerungen des Ministers, wie er sich die Zukunft der Kulturszene vorstellt. Er ist visionsbefreit.»