Archivierter Artikel vom 17.06.2020, 15:50 Uhr

Offizieller Abschied

„Keine Altersfrage“: 101-Jährige verlässt Stadtrat

Ihre Kandidatur im Alter von 100 Jahren für den Stadtrat ihres Heimatortes in der Pfalz machte Lisel Heise überregional bekannt. Nun tritt die ehemalige Lehrerin zurück. Wie lautet ihre Bilanz?

Wir für KiboLesezeit: 3 Minuten
101-jährige Stadträtin Lisel Heise
Die Augen und Ohren funktionieren nicht mehr so gut wie früher. Nur deshalb verlässt sie den Stadtrat ihrer Heimatgemeinde.
Foto: Uwe Anspach/dpa

Kirchheimbolanden (dpa) – Noch einmal steht sie im Rampenlicht. Lisel Heise, mit 101 Jahren Deutschlands wohl ältestes Mitglied in einem Stadtrat, gibt ihr Mandat zurück – dann soll Schluss sein mit Sitzungen und Bürokratie.

„Es hat keinen Sinn mehr, wenn die Augen und Ohren abgenutzt sind. Bei dem Geschäft braucht man sie“, sagt die ehemalige Lehrerin anlässlich des offiziellen Abschieds am Mittwoch im pfälzischen Kirchheimbolanden. „Es hat Spaß gemacht, ich habe das sehr gerne getan. Aber mit 101 ist man nicht mehr neu.“

Für die ältere Dame mit den weißen Haaren war es ein unglaubliches 101. Lebensjahr. Seit Juni 2019 saß sie im Stadtrat ihres Heimatorts im Südosten von Rheinland-Pfalz. Die Nachricht ihrer Wahl ging um die Welt. „Aus vielen Ländern hat man in diesem Moment auf Kirchheimbolanden geschaut“, erzählt Stadtbürgermeister Marc Muchow. „Es ist toll, dass auch ältere Menschen sehen: Engagement in der Politik ist keine Altersfrage.“ Der CDU-Politiker wollte Heise am Abend am Rande der Stadtratssitzung feierlich verabschieden.

Welche Bilanz zieht Lisel Heise am Ende eines turbulenten Jahres? „Die Kandidatur war absolut kein Fehler“, sagt sie und fügt augenzwinkernd hinzu: „Ich kann ja nichts dafür, wenn die Leute mich mit so vielen Stimmen wählen.“ Die Seniorin bewarb sich für die Initiative „Wir für Kibo“. Kibo steht für Kirchheimbolanden, einen Ort mit knapp 8000 Einwohnern. Die Wahl wurde zum Triumph: Sie erhielt die meisten Stimmen (991), rückte von Listenplatz 20 auf Platz 1 vor und erhielt eins von zwei Mandaten ihrer Wählergruppe.

Grund für ihr Engagement war die Schließung ihres geliebten Freibads 2011. „Ich bin hauptsächlich in den Stadtrat gegangen, damit wir wieder ein Bad bekommen. Und daran glaube ich immer noch“, sagt Lisel Heise. Etwas ungläubig schüttelt sie den Kopf. „Die irre vielen Briefe, die man bekommt. Aber die Leute wollen kein Autogramm – die wollen ebenfalls wieder ein Freibad.“

Muchow klingt da zurückhaltend. „Ich halte es eher für möglich, unser Hallenbad mit einer Liegewiese attraktiver zu machen – und vielleicht bekommt es auch einmal ein Außenbecken“, sagt der Rathauschef.

Heise führt ein bewegtes Leben. Als Lisel Waltgenbach wird sie am 12. März 1919 geboren. Sie arbeitet als Lehrerin in Künzelsau (Baden-Württemberg), bis sie im Zweiten Weltkrieg nach Danzig abkommandiert wird, um Umsiedlern zu helfen. Ihren Mann heiratet sie 1942 in seinem Urlaub während des Afrika-Feldzugs. Nach dem Krieg arbeitet Heise wieder als Lehrerin und zieht vier Kinder groß.

Wer mit Heise durch Kirchheimbolanden spaziert, muss Zeit mitbringen. Immer wieder wollen Menschen mit ihr diskutieren. „Meine Enkelin hat gesagt: Es ist furchtbar, mit dir durch die Stadt zu gehen. Dauernd reden dich die Leute an“, sagt sie und lacht. Ähnlich sieht es Muchow. „Für die Stadt war die Kandidatur etwas Besonderes. Sie hat auch Menschen motiviert, zur Stadtratssitzung zu kommen und sich zu engagieren. Es hat vielleicht auch Leute zum Nachdenken gebracht.“

„Auf jeden Fall hat Frau Heise unserer Stadt und dem ehrenamtlichen Bürgerengagement einen großes Dienst erwiesen“, betont der Stadtbürgermeister. Im Übrigen habe der Ort mit Lisel Heise nicht nur die älteste Kandidatin, sondern auch den mit 18 Jahren jüngsten Kandidaten bei der Kommunalwahl 2019 gehabt. „Diese Bandbreite von 18 bis 100 Jahren finde ich bemerkenswert. Das war sehr wertvoll. Und Frau Heise hat das ihre getan, das war das I-Tüpfelchen.“

Nun ist für Lisel Heise Schluss. Ein Rückzug ins Private sei das aber nicht. „Ich will mich weiterhin engagieren“, sagt die 101-Jährige mit fester Stimme.

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