Archivierter Artikel vom 29.07.2011, 12:26 Uhr
Berlin

Jean Ziegler auf Youtube statt in Salzburg

Der Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler (77) hat seine nicht gehaltene Eröffnungsrede für die Salzburger Festspiele auf dem Videoportal Youtube veröffentlicht. Darin richtet Ziegler schwere Vorwürfe an Verantwortliche von Großkonzernen und -banken, die er für die Hungerkatastrophe in Ostafrika verantwortlich macht und mit Verbrechern vergleicht.

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Jean Ziegler
Weil der Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler in Salzburg nicht sprechen durfte, rechnete er im Internet mit den «Schönen und Reichen» ab.
Foto: DPA

Der Soziologe und Publizist Ziegler war ursprünglich als Eröffnungsredner am Mittwoch in Salzburg vorgesehen, wurde dann aber wegen angeblicher Nähe zu Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi ausgeladen. An seiner Stelle sprach der deutsche Bürgerrechtler Joachim Gauck. Ziegler beklagt in seinem Video, er sei auf Druck wichtiger Salzburger Sponsoren ausgeladen worden.

Unterstützer hatten Zieglers Rede am Mittwoch an das Festspielpublikum verteilt. Der für drastische Worte bekannte Menschenrechtler zieht darin eine Verbindung zwischen der globalen Finanzkrise und der Hungersnot in Ostafrika. «Viele der Schönen und Reichen, der Großbankiers und der Konzern-Mogule dieser Welt sitzen jetzt in Salzburg», sagt er. «Sie sind die Verursacher und Herrscher der kannibalischen Weltordnung.» Er fordert, die Verantwortlichen vor ein Tribunal zu stellen «wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit».

Die großen westlichen Geberländer für das Welternährungsprogramm (WPF) hätten ihre Zahlungen reduziert oder sogar eingestellt, weil sie den Banken Tausende von Milliarden zahlen mussten, sagt der Globalisierungskritiker. Dabei seien die «Halunken» der Banken selbst für die Finanzkrise verantwortlich.

«Für diese Situation bezahlen heute die Kinder in Äthiopien, in Somalia und Nordkenia mit ihrem Tod», sagte Ziegler. Spekulanten seien zudem nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte umgestiegen auf die Agrarrohstoffmärkte. Die Preise für Grundnahrungsmittel seien in astronomische Höhen gestiegen. Deshalb hätten die Länder in Afrika keine Vorräte anlegen können.

Er träume davon, dass die Kunst zu Veränderungen führen könne: «Sie wühlt den Zuhörer, Zuschauer in seinem Innersten auf, durchdringt auch die dickste Betondecke des Egoismus. (...) Und plötzlich brechen die Defensiv-Mechanismen seiner Selbstgerechtigkeit zusammen. Der neoliberale Profitwahn zerfällt in Schutt und Asche.» Doch dieses Wunder werde in Salzburg nicht geschehen, meint Ziegler: «Gegen das eherne Gesetz der Kapitalakkumulation sind selbst Beethoven und Hofmannsthal machtlos.»

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