Archivierter Artikel vom 24.07.2014, 13:40 Uhr

«Ikone der Fotografie» – Walker Evans in Berlin

Berlin (dpa). Er war einer der sensibelsten Chronisten von Armut in Amerika: Der US-Fotograf Walker Evans (1903-1975) wurde durch seine Porträts von Landarbeitern in den Südstaaten zur Zeit der Großen Depression berühmt.

Lesezeit: 2 Minuten
Walker Evans. Ein Lebenswerk
Walker Evans, Pabst Blue Ribbon Sign, Chicago, Illinois 1946.
Foto: Wolfgang Kumm – DPA

Fast ein halbes Jahrhundert lang behielt er einen besonderen Blick für die Menschen am Rande der Gesellschaft, denen er mit legendären Fotos ein Denkmal setzte.

Die Ausstellung «Walker Evans. Ein Lebenswerk» gibt jetzt erstmals in Berlin einen umfassenden Überblick über sein vielschichtiges Schaffen. Museumsdirektor Gereon Sievernich würdigte den Künstler am Donnerstag vor der Eröffnung als eine «Ikone der Fotografie». Sein Werk sei bis heute prägend für den dokumentarischen Stil in der Fotokunst.

Zu den mehr als 200 Originalabzügen aus den Jahren 1928 bis 1974 gehören die Aufnahmen, die Fotografiegeschichte schrieben: Nüchtern registrierende Porträts von verarmten Farmerfamilien, eine Frau vor dem leeren Lebensmittelladen, einsame Kinder auf der Straße. Oft ist es aber auch einfach ein verlassenes Haus, eine karge Küche, eine leere Fabrik, die vom Schicksal der Bewohner erzählt.

«Gelegentlich gefällt es mir, Menschen durch ihre Abwesenheit anzudeuten», sagte Evans wenige Jahre vor seinem Tod in einem Interview. Den Auftrag zu den Fotos hatte er 1935 von der Farm Security Administration bekommen, die im Rahmen eines Reformprogramms nach der Weltwirtschaftskrise die Lage der notleidenden Bevölkerung dokumentieren wollte. «No politics whatever» – niemals politische Propaganda, ließ Evans sich in den Vertrag schreiben.

Genau das macht nach Ansicht von Gabriele Conrath-Scholl von der Kölner SK Stiftung Kultur den besonderen Blick des Künstlers aus: «Er ist ein kluger Beobachter, ohne sich einzumischen.» Die von ihr geleitete Photografische Sammlung der Stiftung hatte die Ausstellung bereits 2012 in Köln gezeigt. Ursprünglich war sie von Kurator James Crump für das US-Kunstmuseum in Cincinatti konzipiert.

«Die Idee war, Evans nicht auf seine berühmte Schaffensperiode zu beschränken, sondern Jahrzehnt für Jahrzehnt sein gesamtes Werk zu zeigen», sagte Crump in Berlin. So sind etwa die ganz frühen botanischen Studien zu sehen, die der in St. Louis (Missouri) geborene Künstler in der Gladiolenzucht seines Vaters machte. Oder die Bilder aus New York, als er nach einem Aufenthalt in Paris eigentlich noch Schriftsteller werden wollte.

Einen besonderen Reiz haben die späteren Subway-Porträts, die Evans auf mehrstündigen Fahrten kreuz und quer durch das New Yorker U-Bahn-Netz aufnahm – mit versteckter Kamera und ohne Blick durch den Sucher. Das sei eine Rebellion gegen das Studioporträt gewesen. «Ich war aufgebracht. Es war ein zum Teil sehr wütender Protest (...) gegen jegliche Pose in der Porträtfotografie.»

Der Löwenanteil der gezeigten Handabzüge («Vintage Prints») in der Ausstellung stammt von dem US-Sammlerpaar Joan und Clark Worswick. Sie hatten schon sehr bald nach Evans' Schlaganfall-Tod 1975 mit dem Aufbau der Sammlung begonnen. «Damals gab es die einmalige Chance, noch zu kaufen, was ich wollte», sagte Clark Worswick. «Manchmal hat man halt auch Glück, wenn man lang genug lebt.»