Archivierter Artikel vom 29.07.2011, 12:26 Uhr
Hallein

Faust I und II – ein gewaltiger Theaterabend

«Die Prognose ist, dass wir gegen ein Uhr das alles hinter uns haben werden», kündigt der Regisseur am späten Nachmittag an. Und es wirkt so gar nicht kokett, wenn Nicolas Stemann zur Stunde null seines Mammutprojekts mit dem Hamburger Thalia Theater für die Salzburger Festspiele Informationen über neun Stunden reine Spielzeit leicht korrigiert.

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Faust I & II
Patrycia Ziolkowska (l) und Philipp Hochmair in Nicolas Stemans Inszenierung von «Faust I und 2».
Foto: DPA

Auf der Halleiner Perner-Insel hebt dann ein gewaltiger Theaterabend ab: Der ganze Faust, ohne Striche, an einem Stück; ausufernd, packend und nur bruchstückhaft erzählbar. Am Ende mit Blumen, Bravo-Rufen und großem Respekt des Publikums bedacht. Ein Stundenprotokoll skizziert die Highlights.

Stunde 1 bis 3: Sebastian Rudolph, Philipp Hochmair und Patrycia Ziolkowska jagen durch der Tragödie ersten Teil. Jeder ist jeder an diesem Abend, Faust ist Mephisto ist Gretchen, die Inszenierung setzt auf die Kraft von Goethes Versen und erreicht streckenweise atemberaubendes Tempo. Karge Bühne kontrastiert mit pathetischer Sprache, der depressive Gelehrte greift zum Action Painting, in Auerbachs Keller wummert eine Techno-Version von «Another One Bites the Dust».

Bei anderer Gelegenheit reicht das für einen konzentrierten Theaterabend mit einem mitreißend virtuosen und sprachmächtigen kleinen Ensemble. Hier ist es nur der Auftakt, der Leitmotive («habe nun, ach, Philosophie...») und Personal vorstellt. Was soll eigentlich noch kommen?

Rest Stunde 3: Pause. «Da kommt noch einiges», erklären zwei Theaterfreundinnen aus Hamburg, die eine öffentliche Generalprobe gesehen haben. «Wir waren schon bei der ersten Präsentation im Oktober, und sind jetzt extra zur Premiere nach Salzburg gekommen.»

Stunde 4 und 5: Auftritt des Geheimrats als Conférencier: «12 111 Verse, 4612 sind schon bewältigt. Zweifellos der tiefgründigste Theatertext deutscher Sprache». Dann geht es mitten hinein in Goethes unergründliches Faust-Universum, opulenter Mummenschanz zwischen Wirtschaftskrise und Kapitalkritik, Agitprop und dem Spiel mit Interpretationsgeschichte und Deutungsmöglichkeiten.

Der verhinderte Festspielredner Jean Ziegler erhält einen beklatschten Kurzauftritt mit seinen Thesen zur Globalisierungskritik. Der alternde Geheimrat philosophiert auf wienerisch über Postdramatik: «Ich war dabei. Wir haben ein politisches Anliegen g'habt».

Stunde 6: Die Inszenierung taucht in die griechische Antike ein. Faust und Helena: Dinner for Two. «The final Countdown». Einzug in die Reihenhausidylle mit programmgemäßer Schwangerschaft und nicht programmgemäßem Kindstod. Philemon und Baucis teilen ein dunkles Geheimnis.

Stunde 7 und 8: Stemanns musikalisch rauschhaftes Faust-Panoptikum schwingt sich zum Gipfel auf, der Trupp der Suchenden kommt per Schiff im Morgen an, dann Erlösungsszene: Alles trifft sich auf der Bühne, trällert im Chor der Engel. Fast in Kirchentagsstimmung löst sich die Spannung der vergangenen achteinviertel Stunden auf.