Archivierter Artikel vom 08.06.2010, 09:56 Uhr
Nairobi

Farben und Kurven – Afrika und die Schönheit

Joseph Gitenga, Geschäftsmann in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, hat die Einladung, mit einem Freund das Modelcasting einer amerikanischen Agentur zu besuchen, nur widerwillig angenommen.

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Afrika und die Schönheit
In Afrika ist ein anderes Schönheitsideal verbreitet als in Europa.

«Bei diesen Wettbewerben weiß ich doch eh ganz genau, wie es ausgeht», klagt er. «Die Hässlichen gewinnen.» Nanu? Was soll denn an den hochgewachsenen, grazilen afrikanischen Schönheiten, die immer öfter auch auf europäischen und amerikanischen Laufstiegen flanieren, hässlich sein? Aber Schönheit liegt nun mal im Auge des Betrachters – und das gängige westliche Schönheitsideal findet in den meisten afrikanischen Staaten nur bei einer Minderheit Anklang.

«Eine Frau darf nicht aussehen wie ein Junge, sondern muss Kurven haben» versichert Gitenga leidenschaftlich. «Und vor allem einen schönen großen Hintern.» In der Tat – auf ein wohlgeformtes, ausladendes Hinterteil sind die meisten Afrikanerinnen stolz, betonen die kurvigen Formen noch extra mit knapp geschnittenen, eng anliegenden Röcken oder Kleidern. Für die Klagen europäischer Frauen, die breite Hüften bei sich selbst als Schönheitsmakel empfinden, haben die meisten Afrikanerinnen nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Nur die Jeansgrößen internationaler Hersteller empfinden sie als Zumutung.

Aber es gibt Abhilfe: Ein Geschäft mit afrikanischer Designerkleidung in einem der Einkaufszentren Nairobis wirbt mit Jeans mit «afrikanischer Passform». Im westafrikanischen Staat Elfenbeinküste werden auf den Märkten sogar Schönheitsmittel verkauft, die den Hintern noch weiter wachsen lassen sollen. Ärzte warnen allerdings vor diesen Mittelchen, ebenso wie vor den «Aufhellern», mit denen sich viele Afrikanerinnen einige Schattierungen aufhellen wollen – denn ein «heller» Teint gilt bei vielen als erstrebenswert. Sowohl Karriere als auch die Aussichten beim anderen Geschlecht sollen damit positiv beeinflusst werden.

Andererseits lieben es fast alle Afrikanerinnen farbenfroh, wenn auch Puristen über den Einfluss westlicher Kleidungsstile klagen. Doch die bunten Drucke und Muster afrikanischer Stoffe inspirieren nicht nur den Ethno-Look internationaler Modemacher. Auch afrikanische Designer verbinden immer öfter traditionelle Muster mit avantgardistischen Schnitten. Vor allem in Westafrika finden viele Frauen und Männer die traditionellen wallenden Kaftane bei feuchtheißem Klima ohnehin als angenehmer. Und mit dem kompliziert-eleganten Kopfputz etwa der Nigerianerinnen lässt es sich bestens verbergen, dass die Haare einmal nicht gut frisiert sind.

Überhaupt, die Haare – für viele Afrikanerinnen sind sie von klein auf Quelle von Stolz und Schmerz. Die Bandbreite der Flechtfrisuren ist schier unendlich. Kleine Mädchen müssen oft stundenlang ausharren, wenn mal wieder eine neue Zöpfchenfrisur fällig ist – und wegen des schmerzhaften Kämmens wird der Friseurbesuch öfter von Tränen begleitet. Viele Frauen ziehen angesichts solcher Kindheitserinnerungen einen kurzgeschorenen Schopf vor und setzen auf eine Sammlung von Perücken oder auf eingeflochtenes Kunsthaar.