Ein Wumms, ein Flop

Eröffnung der Salzburger Jubiläumsfestspiele

Die Salzburger Jubiläumsfestspiele eröffnen trotz Corona-Pandemie. Der Einakter „Elektra“ übertraf die hochgespannten Erwartungen, während der „Jedermann“ nicht nur unter den Wetterunbilden litt.

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Salzburger Festspiele 2020
Tobias Moretti als Jedermann und Caroline Peters als Buhlschaft.
Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

Salzburg (dpa). Mit einer fulminanten „Elektra“ von Richard Strauss und einem eher lauen „Jedermann“ sind die Salzburger Festspiele in ihre von der Corona-Pandemie überschattete Jubiläumssaison gestartet.

Salzburger Festspiele
Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler (l), Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer und Ehefrau Christina Rößlhuber vor Beginn der «Elektra»-Premiere.
Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

Dabei wurde das strenge Hygienekonzept gleich zu Beginn einem Stresstest unterzogen. Als eines der wenigen internationalen Kulturfestivals wurden die Festspiele in diesem Jahr nicht abgesagt, sondern nur auf einen Monat (bis Ende August) verkürzt und stark modifiziert.

Salzburger Festspiele 2020
Ohne Masken – aber mit Abstand: Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler (l), Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer und Ehefrau Christina Rößlhuber.
Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

Der Festspiel-Dauerbrenner „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal musste am Eröffnungstag buchstäblich in letzter Minuten – der Einlass auf dem Domplatz hatte schon begonnen – wegen eines plötzlich heraufziehenden Gewitters ins Große Festspielhaus verlegt werden. Vor und im Theater bildeten sich Menschenpulks. Viele Besucher wurden ohne Kontrolle ihrer Personalausweise – die personalisierten Eintrittskarten sind dieses Jahr nur mit Identitätsnachweis gültig – einfach durchgewunken.

Salzburger Festspiele
Die Salzburger Jubiliäumsfestspiele beginnen in der Felsenreitschule mit der Oper «Elektra» von Richard Strauss.
Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

Eigentlich hätte man sich zur 100-Jahr-Feier des weltgrößten Musik- und Theaterfestivals eine Neuinszenierung des „Jedermanns“ gewünscht. Stattdessen wurde die völlig pathosfreie Version von Michael Sturminger aus dem Jahr 2017 mit leicht modifiziertem Personal wieder aufgenommen. Darin zeigt sich der von Tobias Moretti verkörperte „Jedermann“ vom ersten Vers an nicht auf der Höhe seiner eigentlich überbordenden Lebenskraft. Offenbar leidet er an einem Hirntumor, der ihn später ins Krankenhausbett zwingt. „Jedermanns“ Turbo-Bekehrung angesichts des nahen Endes wirkt in dieser sehr prosaischen Inszenierung noch weniger glaubwürdig als in älteren Fassungen.

Salzburger Festspiele
«Elektra» in Zeiten von Corona: Bei der Freiluft-Übertragung sind die Reihen gelichtet.
Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

Während sich Moretti, der nächstes Jahr nicht mehr antritt, oft kaum verständlich durch die Knittelverse von Hofmannsthal nuschelte, versuchte sich Caroline Peters als neue „Buhlschaft“, Jedermanns Lebensabschnittsgefährtin, mit einer (absichtlich/unabsichtlich?) verunglückten Marylin-Monroe-Parodie, zu der sie eine überdimensionale, pinke Geburtstagstorte erklomm. Der Schlussapplaus für die Paraderolle fiel ungewöhnlich knapp aus. Am besten schlug sich wieder Peter Lohmeyer als androgyner Tod, während Morettis Bruder Gregor Bloéb einen unauffälligen „Guten Gesell“ und einen hinreichend komischen Teufel gab.

Salzburger Festspiele
Strenge Hygiene-Auflagen bei den Salzburger Festspielen.
Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

In der Felsenreitschule hatte sich wenige Stunden zuvor ein Theaterwunder ereignet. In diesem Ausnahmejahr Richard Strauss' antikes Rache- und Morddrama zu programmieren, als pausenloser Einakter in perfektem Corona-Format, war ein Coup. Und man fragte sich am frenetisch bejubelten Ende, welcher der drei bravourösen Sopranistinnen die Palme gebührt: Ausrine Stundyte als Elektra, Asmik Grigorian als Chrysosthemis oder Tanja Ariane Baumgartner als Klytämnestra.

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Prominenz in Salzburg: Moderatorin Katja Burkard.
Foto: Franz Neumayr/APA/dpa

Die 1909 in Dresden uraufgeführte Oper auf ein Libretto, das Hugo von Hofmannsthal nach einer Tragödie des Sophokles geschrieben hatte, ist eine musikalisch-emotionale Gewalttour. Unterbrochen von nur wenigen Inseln der Innigkeit ergießt sich ein fast pausenloser, orgiastischer Klangstrom über das Publikum, mit dem der Komponist das antike Drama um die blutige Rache der Königstochter Elektra an ihrer Mutter Klytämnestra, die ihrerseits ihren Gemahl Agamemnon auf dem Gewissen hat, genial in Töne setzte. Ihr Bruder Orest dient Elektra dabei als willig-unwilliges Mordwerkzeug.

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Gelingt in Salzburg der Test für Kultur-Veranstaltungen?.
Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

Dirigent Franz Welser-Möst am Pult der Wiener Philharmoniker mit der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor gelang es, die Klangmassen ebenso kontrolliert zu forcieren, wie er sie in entscheidenden Momenten zu bändigen verstand, um die enorm geforderten Sängerinnen nicht zuzudecken.

Salzburger Festspiele
Gäste kommen festlich gekleidet zur Eröffnung der Salzburger Jubiläumsfestspiele.
Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

Regisseur Krzysztof Warlikowski hatte das Stück im Milieu eines Mafiaclans angesiedelt, der über Generationen hinweg in Blutrache verstrickt ist. Seine zurückhaltende, symbolisch aufgeladene Deutung – Bühnen- und Kostümbildnerin Malgorzata Szczesniak schuf dafür das hermetische Setting einer heruntergekommenen Badeanstalt – erinnert an Romeo Castelluccis legendäre Inszenierung von Strauss' „Salome“ vor zwei Jahren mit der schon damals gefeierten Asmik Grigorian in der Titelrolle. Vielleicht wurde dieser musikdramatische Glücksgriff mit „Elektra“ sogar noch übertroffen.

Salzburger Festspiele
Literaturnobelpreisträger Peter Handke kommt zur Eröffnungs-Premiere.
Foto: Franz Neumayr/APA/dpa

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