Archivierter Artikel vom 07.06.2010, 14:04 Uhr
Stockholm

Elche und WM spannender als Victoria-Hochzeit

«Elche locken mehr Touristen» und «Wir geben unser Geld lieber für was anderes aus». Anderthalb Wochen vor der Hochzeit von Kronprinzessin Victoria und Daniel Westling am 19. Juni zeigen Äußerungen wie diese in den schwedischen Medien eine überraschende Ernüchterung an.

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Kronprinzessin Victoria und Daniel Westling
So viele Leute – wie ursprünglich erwartet – interessieren sich gar nicht für die Hochzeit von Kronprinzessin Victoria und Daniel Westling.

Klar ist inzwischen: Der erwartete Ansturm von Schaulustigen auf Stockholms Hotels zum Hochzeitstag findet nicht statt. Diverse Städte haben mangels Interesses das geplante «Public Viewing» der Marathonübertragung im Fernsehen wieder abgesagt. Und zum ersten öffentlichen Defilee der Gratulanten fand sich am Wochenende im Stockholmer Schloss auch nur ein «bescheidener Strom» von Glückwünschen ein, wie die Nachrichtenagentur TT meldete.

Als die 32-jährige Thronfolgerin und ihr vier Jahre älterer Ex-Fitnesstrainer den Hochzeitstermin mitgeteilt hatten, setzten Reiseveranstalter alle Segel und teilweise auch die Preise nach oben. Jetzt bleiben sie auf pauschal gebuchten Hotels und halbleeren Sonderzügen sitzen. Als sich das herumgesprochen hatte, wurde plötzlich vielen Stadträten im Lande klar, dass die «Traumhochzeit» vielleicht doch nicht so die Massen zu Volksfesten vor teure TV-Riesenschirme locken würde wie anderswo WM-Fußballspiele.

«Wir haben das Public Viewing wieder gestrichen, weil wir auch so genug Geld für diese Trauung ausgeben», berichtet die Kulturverantwortliche Frida Nilsson aus der Kleinstadt Borås. 300 000 Kronen (31 000 Euro) seien schon für eine Statue als Geschenk an das Brautpaar locker gemacht worden: «Eigentlich sollte das an Steuergeldern für so was reichen, oder?»

Die Zeitung «Aftonbladet» fand bei einer Internet-Umfrage heraus, dass sechs von zehn Schweden die Hochzeit am 19. Juni komplett ignorieren wollen. 40 Prozent sind ja auch noch eine ganze Menge, aber das WM-Spiel der dänischen Nachbarn gegen Kamerun am Abend des Hochzeitstages sei doch viel spannender, hieß es in Leserkommentaren. Oder: «Warum soll ich zugucken, wenn es sich die Oberklasse gutgehen lässt?» Und dass ausländische Touristen sich wohl doch eher von Elchen als von Royalitäten anlocken lassen würden.

Burckhard Specht von Nordic Holidays in Elmshorn bestätigt den Trend seufzend für den deutschen Markt: «Das Interesse an unserem Reiseangebot für die Hochzeit in Stockholm ist sehr enttäuschend. Die Medien hatten das Ganze irgendwie hochgepuscht.» Bei der nächsten Prinzessinnen- oder Prinzenhochzeit im Norden will er sich «sehr entspannt zurücklehnen und nichts tun.»

An der Königsfamilie kann es eigentlich nicht liegen. König Carl XVI. Gustaf legte sich noch mal richtig ins Zeug, als er bei seiner Rede zum «Flaggentag» Sonntagabend vor 11 000 Zuhörer von «überschäumender Freude» bei sich und Königin Silvia vor dem Jawort der ältesten Tochter in Stockholms Domkirche schwärmte. Victoria mit dem künftigen Prinzen Daniel sei bei diesen Worten gerührt gewesen, schrieben die Zeitungen.

So mancher der 60 Prozent desinteressierten Schweden dagegen hat vielleicht daran gedacht, dass die Kronprinzessin die Genehmigung ihres Vaters zur Hochzeit mit Westling erst nach jahrelangem Kampf bekommen hat. Der Sprössling einer einfachen Familie aus dem Provinznest Ockelbo soll dem Regenten nicht fein genug gewesen sein. In Ockelbo immerhin ist das Interesse für den 19. Juni ungebrochen: Alle 18 Hotelzimmer sind restlos ausgebucht.