Archivierter Artikel vom 05.02.2020, 09:24 Uhr

Lakonische Schärfe

Düsteres Vater-Sohn-Drama: Bov Bjergs „Serpentinen“

Eine Rückkehr an die Orte einer unglücklichen Kindheit: Bov Bjergs neuer Roman gleicht einer Tiefenbohrung in die verborgenen Schichten von Familie und Nation. Lakonisch, pointiert, fast ohne Lichtblicke.

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Bov Bjerg
Der Autor Bov Bjerg erzählt in seinem neuen Roman vom Kampf eines Vaters gegen die Dämonen der Vergangenheit.
Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Berlin (dpa). Mit seinem WG-Roman „Auerhaus“ landete Bov Bjerg vor fünf Jahren einen Überraschungserfolg.

Der 1965 geborene Autor, der schon seit vielen Jahren als Vortragskünstler auf diversen Berliner Lesebühnen unterwegs ist, erzählte in seinem heiter-melancholischen Bestseller die Geschichte von vier Jugendlichen, die in der schwäbischen Provinz von einem anderen Leben träumen. Frieder, einer von ihnen, ist schwer suizidgefährdet.

Das Motiv des Freitods führt direkt zu Bjergs neuem Roman „Serpentinen“, der deutlich düsterer als der Vorgänger ausgefallen ist, auch wenn bisweilen ein rabenschwarzer Humor zwischen den Zeilen aufblitzt. Die Reise geht wieder auf die Schwäbische Alb. Der Ich-Erzähler, ein Soziologie-Professor aus Berlin, besucht in Begleitung seines noch jungen Sohnes die Orte seiner Kindheit.

Und die war grausam: Vater und Großvater haben sich umgebracht, der Stiefvater war Alkoholiker und Schläger, und natürlich hat der von Depressionen heimgesuchte Erzähler Angst, dass ihm das gleiche Schicksal bevorsteht. Auch er ist unbeherrscht, trinkt zuviel Alkohol, und fühlt sich überfordert mit der Erziehung seines Sohnes. Man kann soviel falsch machen, dabei will er ein „guter, lässiger Vater“ sein. Nur passen seine Ausraster einfach nicht ins Bild des coolen Prenzlauer-Berg-Papas. Er kommt von seiner Vergangenheit nicht los, die Herkunft lastet wie ein böser Fluch auf ihm.

Bov Bjerg entfaltet dieses Vater-Sohn-Drama in 45 knappen Kapiteln mit lakonischer Schärfe und kaum gebändigter Wut. Sein pointierter Text führt wie eine Tiefenbohrung in die familiäre Vergangenheit zurück. In einer deutschen Provinz, wo ein unschuldiger Hügel auch schon mal „Galgenbuckel“ heißt, entdeckt der zurückkehrende Vater fast immer nur das Unheil früherer Zeiten. Da erscheint ihm ein freigelegter Bachlauf prompt als „Faschismusbächlein“, und die eigene Familiengeschichte sowieso als Katastrophe. Die titelgebenden Serpentinen führen direkt in ein Dickicht von „Legenden, Lügen, Familienbla“.

Bisweilen ähnelt dieser elaborierte Roman allerdings mehr einer Aufzählung als einer Erzählung. Der traurige Held und auch sein Sohn bleiben als Figuren eher blass, obwohl dieses Drama durchaus seinen Sog entwickelt. Dem Heimkehrer werden zudem etliche Themen um den Hals gehängt: Es geht um Soziologie und Klassenbewusstsein, die Thesen des Franzosen Didier Eribon über die Dominanz der Herkunft werden diskutiert, und die Mutter ist natürlich dement. Dabei will sich dieser Erzähler eigentlich gegen „Hochkulturmänner“ absetzen, die sich mit ihren Briefen an die Väter nur selbst in Szene setzen würden.

Am stärksten ist Bjergs Roman immer dann, wenn er konkrete Dinge beschreibt und erzählt: Vater und Sohn machen sich auf einen Waldspaziergang, der als Nachtwanderung in dem düsteren Heimatdorf beginnt und allmählich in den Morgen führt. Vielleicht besteht am Ende ja doch noch die Hoffnung, den Gespenstern der Vergangenheit endgültig zu entkommen.

- Bov Bjerg, Serpentinen, Claassen Verlag, Berlin, 267 S., 22 Euro, ISBN: 978-3-546-10003-8.

Bov Bjerg bei Claassen