«Climate Fiction»

„Das große Thema dieser Welt“: der Klimawandel

Gletscherforscher als Protagonisten, Apokalypse-Fantasien und praktische Tipps für den Weltuntergang: Die Literatur entdeckt den Klimawandel für sich. Zum Beispiel im neuen Roman von Jenny Offill.

Jenny Offill: «Wetter»
Die Literatur entdeckt den Klimawandel für sich. Zum Beispiel im neuen Roman von Jenny Offill, «Wetter».
Foto: Piper Verlag/dpa

Berlin (dpa). Was wird uns helfen, wenn die Welt untergeht? Aus einer Dose Thunfisch lässt sich eine Kerze machen, die lange brennt. Wichtig: Das Fleisch muss in Öl, nicht im eigenen Saft lagern. Notfalls kann man außerdem von der inneren Rinde einer Birke überleben.

In „Wetter“, dem jetzt auf Deutsch erschienenen Roman der US-Amerikanerin Jenny Offill, arbeitet sich die Protagonistin Lizzie durch viele weitere Überlebens-Tipps. Zum Beispiel, wie man aus einem Kaugummi einen Angelköder macht.

Doch das Buch ist keine praktische Anleitung für die Apokalypse, sondern ein amüsanter Roman über unsere Zeit – zwischen erstarkendem Klimabewusstsein auf der einen Seite und Verharren in den bestehenden Verhältnissen auf der anderen. „Wetter“ ist ein Beispiel für einen Trend, der unter dem Namen „Climate Fiction“ immer mehr ins Zentrum der Literaturlandschaft rückt. Darin wird der Klimawandel zu einem Protagonisten.

„Die Literaten versuchen jetzt, sich dem Thema ernsthaft anzunähern“, sagt der Literaturkritiker Martin Zähringer. Er hat vor kurzem mit dem „Climate Cultures network berlin“ das erste „Climate Fiction Festival“ in Berlin veranstaltet. „Das große Thema dieser Welt ist nunmal der Klimawandel.“ In der Literatur habe der Trend, sich damit auseinanderzusetzen, im angloamerikanischen Raum angefangen, breite sich nun aber auch in Deutschland aus.

Dass sich das nicht moralisch oder deprimierend lesen muss, beweist Offill. Im Zentrum steht Lizzie, die sich mit hintergründigem Witz durch ihren Alltag als Bibliothekarin und Mutter hangelt. Vor einer Weile hat sie ihre Doktorarbeit abgebrochen, nun beginnt sie, für ihre frühere Doktormutter zu arbeiten. Diese hat einen Endzeit-Podcast und bekommt viele Zuschriften von besorgten Hörern, die Lizzie beantwortet („Wie kann ich meine Kinder am besten auf das bevorstehende Chaos vorbereiten?“).

Offill beschrieb ihre Motivation gegenüber der „New York Times“ so: „Die Frage, über die ich bei diesem Buch nachgedacht habe, war: Kann man sich einfach nur um den eigenen Garten kümmern, sobald man vom Feuer außerhalb dessen Grenzen weiß?“

Auch deutschsprachige Autorinnen und Autoren suchen nach Antworten. Damals noch eher eine Ausnahme in der Belletristik, schrieb Ilija Trojanow in „EisTau“ schon 2011 über einen Gletscherforscher. Heute gibt es einige tolle Romane zum Thema, etwa Helene Bukowski, die in „Milchzähne“ vom Überleben einer Mutter mit ihrer Tochter in einem Klimawandelszenario erzählt.

Oder den in nicht allzu ferner Zukunft spielenden Erzählband „Helle Materie“ von Sina Kamala Kaufmann. Er enthält etwa eine Geschichte von Kommunen, die in einem Wettbewerb darum konkurrieren, wer am wenigsten Energie verbraucht. Das bringt die Leute auf seltsame Ideen – zum Beispiel, zum Duschen in eine andere Stadt zu fahren.

Dass Schriftsteller die Beziehung des Menschen zur Natur beschreiben, hat aber Tradition. „Klima ist schon lange Thema in der Literatur, in mündlichen Erzählungen schon, solange es die Menschheit gibt“, sagt Zähringer. Heute gebe es besonders bei Romanautorinnen und -autoren eine neue Generation, die dabei stärker die Umweltkrise berücksichtige.

Besonders gut lassen sich Katastrophenszenarien natürlich in Thrillern durchspielen. Die deutschen Verlage bieten aktuell eine ganze Reihe davon: Etwa „Exit This City“ von Lisa-Marie Reuter, „2,5 Grad – Morgen stirbt die Welt“ von Noah Richter, „CO2 – Welt ohne Morgen“ von Tom Roth oder „Der neunte Arm des Oktopus“ von Dirk Roßmann. „Früher haben wir von den Verlagen gehört: Klimawandel verkauft sich nicht“, erzählt Zähringer. „Das dreht sich jetzt.“

In Sachbüchern hat das Thema schon lange Konjunktur. Doch in der Fiktion lässt sich anders über die Klimakatastrophe nachdenken. Dort sei man nicht direkt mit dem eigenen Fehlverhalten konfrontiert, beschreibt es Zähringer, sondern damit, wie andere die Krise bewältigen. „Da ist etwas Gefährliches, aber ich kann es wahrnehmen durch diese literarische Vermittlung, ohne gleich in Schockstarre zu verfallen. Dann kann ich nachdenken und das ist für mich der Anfang des Handelns. Das liegt dann wiederum bei jedem selbst.“

- Jenny Offill: Wetter, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Melanie Walz, Piper Verlag, 224 Seiten, EAN 978-3-492-07057-7, 20 Euro.

© dpa-infocom, dpa:210406-99-97502/2

“Wetter„ von Jenny Offill

Informationen zum “Climate Cultures Network„ u.a. mit Zähringer

“EisTau„ von Ilija Trojanow

Artikel in der “New York Times„ über Offill

“Exit This City„ von Lisa-Marie Reuter

“2,5 Grad„ von Noah Richter

“CO2 – Welt ohne Morgen" von Tom Roth