Archivierter Artikel vom 10.06.2014, 14:50 Uhr
Leipzig

Bizarr-besinnlich: 20.000 beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig

Die „schwarze Szene“ tanzt: Extravagant in viktorianische Reifröcke, venezianische Karnevalskostüme oder Netzhemden und Lackhosen gekleidet, bevölkerten zum 23. Mal die landläufig als Gothics, Goths oder auch Grufties bezeichneten Szeneanhänger die Stadt.

Den weiten Weg aus Moskau nach Leipzig nahm dieses russische Paar in Fantasy-Kostümen auf sich.

Wild West in Leipzig: Auch Cowboys und amerikanische Ladys tummeln sich auf dem Wave-Gotik-Treffen.

Elegant und anmutig präsentiert sich dieses junge Pärchen aus Konstanz beim viktorianischen Picknick im Clara-Zetkin-Park.

Von unserem Mitarbeiter Richard Klasen

Am Pfingstmontag ging das 23. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig zu Ende. Das weitläufig schlicht WGT abgekürzte Musikfestival lockte erneut rund 20.000 Besucher der so genannten „schwarzen Szene“ in die Stadt.

Der stilistische Mix der Kleidung spiegelt die ganze Vielschichtigkeit einer Szene wieder, die sich im Gegensatz zu anderen Subkulturen mehr über Äußerlichkeiten definiert als über einen festen Musikstil.

So traf man im „heidnischen Dorf“ auf Burgfräuleins, Ritter in Kettenhemden und Wikinger. Von der Bühne tönten dazu passend Dudelsäcke und Drehleiern.

Jungfrauenversteigerungen – das war ja noch harmlos...

Was zunächst wie ein normaler Mittelaltermarkt mit Schaukämpfen und Gaukelei wirkte, wurde durch „Jungfrauenversteigerungen“ ergänzt. Auch Männer mit Halsband wechselten hier für ein paar Euro symbolisch die Besitzerin.

Das alles ist hier aber eher als harmloser Spaß zu verstehen. Ganz anders ging es am Samstag auf der „Obsession Bizarre“-Feier zu: Auf der alljährlichen Fetisch-Veranstaltung des WGT treffen sich die richtigen Sadomasochisten unter den Gothics. Lack, Leder und viel nackte Haut dominieren das Bild.

Platz für Hedonismus aller Art

Das Leipziger Pfingsttreffen bietet nicht nur Platz für Hedonismus aller Art, sondern hat auch Raum für geistige und geistliche Erbauung. So suchten in der Peterskirche am Pfingstsonntag christliche Gothics Besinnung bei einem „Szenegottesdienst“. Dieser wurde mit einer szenischen Predigt und düster-romantischen Bildprojektionen untermalt.

Wenige hundert Meter Luftlinie entfernt gab es das Kontrastprogramm: Auf der Parkbühne im Clara-Zetkin-Park luden mit Rotting Christ und Satyricon Bands der satanistisch ausgerichteten Black Metal-Szene die Zuhörer zum Tanz. Die mit harten Gitarrenklängen und Kreischgesang untermalten Texte über Tod und Teufel fanden an diesem Tag viele hundert Anhänger.

Koblenzer Christian W. hat Spaß am breiten Musik-Spektrum

Zu ihnen gehörte auch Christian W. aus Koblenz. Dem 30-Jährigen gefällt in erster Linie das breite musikalische Spektrum des Festivals. „Auf dem WGT ist alles von Goth Rock über Elektro, Mittelalter und Heavy Metal vertreten. Mit einer ähnlichen Bandbreite kann kein anderes Festival aufwarten“, weshalb der Wahl-Rheinländer aus Hessen gerne den weiten Weg in die Sachsenmetropole auf sich nimmt.

Knut H. aus dem Hunsrück meint: „Jeder nach seiner Façon“

Auch Knut H. aus dem Hunsrück trafen wir hier. Knut ist zum dritten Mal auf dem WGT. Berührungsängste zu den okkulten Kreisen der Szene hat der gläubige Christ nicht: „Jeder nach seiner Façon“, sagt der 48-Jährige, der in den Neunzigern mit der Gruft-Szene in Berührung gekommen ist. Ihm reizt gerade die spezielle, weltoffene Atmosphäre des WGT. An Konzerten hat er dieses Jahr die Gothic-Schlagerformation Schneewittchen und die Neofolker von Sonne Hagal angesehen.

Leichenwagen, SM und Zauberei

Für Außenstehende mag das Wave-Gotik-Treffen mit seinen Programm zwischen Weltflucht und SM-Sex, gelebtem Glauben und Satansrock verwirrend sein: Das Pfingsttreffen präsentiert sich indes bewusst als ein Festival der Kontraste zwischen Sinnsuche und Genusssucht. Unterstrichen wird dieser Anspruch durch Lesungen und Ausstellungen, die sich mit eher abseitigen Themen wie dem „Leben mit den Toten am Kongo“, dem Natur-Begriff beim Marquis de Sade oder der Zauberei bei den Germanen beschäftigen.

Mit diesem Konzept setzt sich das Pfingsttreffen seit Jahren erfolgreich gegen kommerzieller agierende, reine Musikfestivals aus dem Gothic-Spektrum durch. In Leipzig öffnen eben auch ehrwürdige Kulturinstitutionen wie das Grassi-Museum, die Oper oder der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen ihre Tore für die Festivalbesucher. Dabei lassen sich die Macher jedes Jahr etwas Neues einfallen: Weil dieses Jahr zu Pfingsten die Messe Auto Mobil International in der Stadt weilte, organisierten die Macher in diesem Jahr als gemeinsames Programm eine Sonderschau historischer Leichenwagen. Dort trafen Todesromantiker erstmalig auf die Tuning-Szene. In Leipzig ist eben erlaubt, was gefällt.