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Leutesdorf

Leutesdorf: Wie ein Dorf den Ersten Weltkrieg erlebte

Wie die Menschen den Kriegsbeginn und die weitere Kriegszeit erlebten, können Interessierte mehreren Leutesdorfer Quellen entnehmen. Zunächst soll Hauptlehrer Hannes mit der Schulchronik zu Wort kommen.

"Ein heißer Augusttag neigte sich zum Abend. Des Sommers Glut schien die Hoffnungen der Winzer zur frohen Erfüllung bringen zu wollen. Aber auf den Gemütern der sonst so lebenslustigen Rheinbewohner lag zentnerschwerer Druck. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hatte die Kriegsfurie ins deutsche Volk eingeschlagen. Das Gefühl der aufregendsten Spannung war bei Groß und Klein vom Gesichte zu lesen. Sorgenvoll sahen alle in die Zukunft. In den Augen der Jugend aber leuchtete Begeisterung auf. Mit drohendem Blick sah der rheinische Junge auf den friedlich fließenden Rhein und nach dem jenseitigen Ufer. ,Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein', so hatte er vor wenigen Tagen in der Schule deklamiert, und die Worte des Dichters Nikolaus Becker nahmen lebensvolle Gestalt an. Was wird werden?

Adolf Gräfer steht im Schützengraben. Foto: Heimatmuseum Leutesdorf
Adolf Gräfer steht im Schützengraben.
Foto: Heimatmuseum Leutesdorf

Da brachte der 1. August, ein Samstag, die Mobilmachung: Der Gemeindediener Gerolstein machte gegen 6 Uhr abends in ortsüblicher Weise bekannt, daß vom Kaiser die gesamte Land- und Seemacht mobil gemacht sei und der 2. August als erster Mobilmachungstag zu gelten habe. Bange Sorge malte sich auf den Gesichtern der in Gruppen auf Straßen und Gassen zusammenstehenden Frauen und Mädchen. Manche heiße Träne rann von den Augen der mit Furcht und Angst in die Zukunft schauenden Frauen. Aus Flur und Weinberg heimkehrende Männer und Jünglinge nahmen die Mitteilung des großen Ereignisses atemlos entgegen. Zornesröte stieg ihnen dann ins Angesicht im Hinblicke auf die brutalen Friedensstörer; aber auch Mut und Begeisterung blitzte aus den Augen, und manche derbe Faust ballte sich drohend gegen die Feinde.

10 Uhr abends. Die Schatten der Nacht senkten sich auf das friedlich schlummernde Dorf. Da ertönen dumpfe Glockenschläge, und ein mächtiges Sturmgeläute setzt ein. Die noch nicht zur Ruhe gegangenen Einwohner eilen zum Kirchplatze; andere verlassen ihre Ruhestätte, um gleichfalls dorthin zu eilen. Hier wird das Aufgebot des Landsturmes bekannt gegeben. Lautlose Stille! Fast schweigsam verläuft sich die Menge.

Der Morgen dämmert. Ein herrlicher Sonntagmorgen. In aller Frühe entwickelt sich reges Leben und Treiben. Es ist der erste Mobilmachungstag. Schon bringen die Züge zahlreiche Einberufene, die sich im nahen Neuwied zu stellen haben. Von der Eisenbahn her schallen fröhliche Soldaten- und begeisternde Vaterlandslieder; von der Straße her vernimmt man die letzten Scheidegrüße der abziehenden Vaterlandsverteidiger."

Von der anfänglichen Begeisterung ist einige Monate später nicht mehr viel zu spüren. Die Menschen hatten gehofft; dass Weihnachten schon wieder alles vorbei sein würde. Nun, es wurde mehrmals Weihnachten gefeiert, ehe ein Friede geschlossen werden musste, den man sich in dieser Härte nicht vorgestellt und höchstens dem Feind zugedacht hatte. Furcht und Misstrauen machten sich breit. Der Leutesdorfer Nachbarschaftsschreiber Lorenz Riemenschnitter berichtet: "Im Jahre 1915 wurden die Brotkarten eingeführt, sämtliches Getreide (wurde) beschlagnahmt, den Bäckereien wurde verboten, Kuchen oder sonstige feine Sachen zu backen, nur noch Schwarzbrot. Nach der Beschlagnahme wurde das Getreide vom Kommunalverband aufgekauft und gemahlen. Von da aus wurde den Bäckereien das Mehl zugestellt, um nicht mehr zu verbrauchen als die Karten aufwiesen. Es folgten die Fleischkarten. Das Vieh wurde beschlagnahmt, die Metzger durften nicht mehr für sich schlachten, der Kommunalverband hatte auch dieses in den Händen. Den Metzgereien wurde ein kleines Quantum Fleisch zugestellt und mit Gramm verkauft. Obschon bei Anfang des Krieges in den Metzgereien viele Dauerwaren hergestellt worden waren, war bis zum Jahre 1916 fast alles aufgezehrt. Die Lage wurde immer schlimmer. Es wurden weiter eingeführt Milch-, Seifen-, Zucker-, Kohlen-, Lebensmittel- und Fettkarten. Das Jahr 1917 war noch viel schlechter. Obschon wir Karten und Bezugsscheine hatten, war nichts mehr zu haben. In den Städten sah es noch schlimmer aus. Da hatten die Leute keine Kartoffeln. Ihre Kost waren öfters gedörrte oder erfrorene Erdkohlraben. So kamen die Leute scharenweise mit der Eisenbahn aus der Bonner und Kölner Gegend bis hierhin und gingen dann nach Andernach oder über das Maifeld, um einige Pfund Kartoffeln zu kaufen."

Nach Angaben in der Schulchronik hatte Leutesdorf einen recht hohen Blutzoll zu zahlen: 42 Gefallene und 12 in Leutesdorf geborene Auswärtige, 30 Bürger waren in Gefangenschaft, 43 waren kriegsbeschädigt und 6 vermisst. So mancher hat seine anfängliche Kriegsbegeisterung und Kampfesbereitschaft bitter bezahlen müssen. Werner Schönhofen

Rhein-Zeitung, 23. August 2014

Der Erste Weltkrieg
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