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Koblenz

Umschmeißen – das erfordert die Zeit: Interview mit Urban Priol

Schon wieder ein Jahr vergangen, schon wieder Zeit für Urban Pirol, die spitze Feder anzusetzen und mit ebenso scharfer Zunge Revue passieren zu lassen. Mit seinem satirischen Jahresrückblick "Tilt" gastiert der Kabarettist am Donnerstag, 17. Dezember, 20 Uhr, in der Rhein-Mosel-Halle Koblenz.

Urban Priol schaut den Politikern auf die Finger. Das Ergebnis seiner Recherchen präsentiert er nun in Koblenz.
Urban Priol schaut den Politikern auf die Finger. Das Ergebnis seiner Recherchen präsentiert er nun in Koblenz.
Foto: Kulturagenten

Warum seine Halsschlagader in diesem Jahr häufiger auf die Größe eines Baumstammes angeschwollen ist, verrät der Kabarettist, bekannt unter anderem auch aus der Fernsehsendung "Neues aus der Anstalt", im Interview.

Urban Priol, Sie erarbeiten jedes Jahr einen tagesaktuellen Jahresrückblick mit Ihrem Programm "Tilt!". Welche Gesamtbilanz ziehen Sie zum Jahr 2015?

Es war ein sehr spannendes, vielfältiges Jahr, das auch ganz neue Blickwinkel auf manche Geschehnisse hervorgerufen hat.

An was denken Sie dabei konkret?

Ja, erstaunt hat mich in erster Linie die Kanzlerin, unser Führungsvakuum, die ich ja auch immer sehr kritisch begleite. Dass sie nach der einmaligen sehr menschlichen und vernünftigen Geste, nämlich Flüchtlinge vom Budapester Bahnhof nach Deutschland zu holen, aus den eigenen Reihen so massiv gemobbt wurde, dass ich in die Situation geriet, sie zu verteidigen, grenzte schon an das Borderline-Syndrom und hat mich doch sehr überrascht.

Und begleiten Sie Ihre Gefühlsschwankungen hinsichtlich Angela Merkel immer noch?

Nein, zum Glück hat sie in den Wochen danach schnell zu ihrer alten Form zurückgefunden. Sie hat das Asylrecht verschärft wie nie zuvor, Afghanistan wurde zum sicheren Herkunftsland erklärt, und der Familiennachzug aus Syrien wurde begrenzt – das alles hat ja nichts mehr mit der gütigen Marienerscheinung, die sie noch im September war, zu tun.

Wie halten Sie sich eigentlich auf dem Laufenden?

Das geht früh los mit dem "Morgenmagazin". Da sammele ich quasi das Adrenalin, das ich für den Tag brauche, um zu arbeiten. Dann lese ich täglich fünf Tageszeiten quer, zusätzlich nutze ich Radio und Internet. Bevor es also auf die Bühne geht, bin ich durchschnittlich schon sechs Stunden beschäftigt.

Wie häufig werfen Sie Ihr Programm um?

Täglich, manchmal stündlich. Manchmal schmeiße ich, zwei Minuten bevor ich auf die Bühne gehe, noch etwas um. Das erfordert die Zeit nun einmal.

Was hat Sie denn in diesem Jahr so richtig geärgert?

Ach, wenn ich darüber nachdenke, fällt mir einiges ein, was meine Halsschlagader auf Baumstammgröße anschwellen lässt. Zum Beispiel die verbalen Lunten, die die CSU im Umgang mit Flüchtlingen gelegt hat, und der unsägliche Empfang von Viktor Orban. Und auch ein Thema, das schon fast wieder vergessen ist, nämlich das herablassende Verhalten gegenüber Griechenland in den ersten Monaten des Jahres.

Was genau hat Sie daran aufgeregt?

Unsere furchtbare Oberlehrermentalität und die Schamlosigkeit, zu sagen, wo es langgeht. Den Griechen wurde doch von vornherein keinerlei Chance gegeben, mal etwas anderes zu versuchen. Vom Volk gewählte Politiker wurden behandelt wie kleine Jungs. Zum Glück ist uns diese Hochnäsigkeit mit dem VW-Abgasskandal und der DFB-Affäre so richtig schön auf die Füße gefallen. Von Pegida und AfD will ich erst gar nicht anfangen, ich habe mich schon jetzt wieder viel zu viel aufgeregt.

Richtig, Sie sollten noch Kräfte sparen. Daher die Frage: Gab es denn für Sie auch gute Nachrichten 2015?

Die Wahl in Kanada hat mich gefreut. Dass dort Justin Trudeau an die Macht kam, mit einem Programm, das völlig konträr zu unserem ist. Zum Beispiel sagt er in Hinsicht auf die Schuldenfrage ganz eindeutig, dass ein Staat Schulden aufnehmen muss, um sich für seine Bürger engagieren zu können. Das ist eine klare Entscheidung entgegen der konservativen Linie und zeigt, es geht also doch auch anders. Gefreut hat mich auch die Welle ehrenamtlichen Engagements in Deutschland. Zu spüren, dass die Bevölkerung schon viel weiter ist als die Regierung, die immer noch denkt, sie würde uns vertreten, das war schon ein wirklich schönes Zeichen der Menschlichkeit, und da kann man nur sagen: Chapeau!

Schalten Sie denn auch hin und wieder einmal richtig ab?

Ja doch. An Tagen, an denen ich abends nicht auftrete, gönne ich mir den Luxus, den Konsum von Tagespolitik auf ein Minimum zu reduzieren. Kraft tanke ich zum Beispiel beim Paddeln. Im Kajak oder Kanu macht es sich mit der Tageszeitung oder elektronischen Medien ohnehin eher schlecht, genauso wie beim Wandern oder meinem anderen Lieblingshobby, dem Oldtimerfahren – von daher gibt es genügend Ruheoasen.

Das Gespräch führte Melanie Schröder

Karten für "Tilt" gibt es unter anderem im Internet unter www.rz-tickets.de

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