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    Tanz die Buddenbrooks

    Nach einer ganzen Reihe von Theatern zeigt jetzt auch das Schauspiel Bonn die "Buddenbrooks" auf der Bühne: In den Kammerspielen in Bad Godesberg ist daraus ein bemerkenswert tanzaffiner Abend geworden.

    Hinten wird noch spekuliert, vorn läuft der Totentanz der Dynastie: Mit Mitteln des Tanzes gelingt in Bonn eine starke "Buddenbrooks"-Inszenierung.  Foto: Beu
    Hinten wird noch spekuliert, vorn läuft der Totentanz der Dynastie: Mit Mitteln des Tanzes gelingt in Bonn eine starke "Buddenbrooks"-Inszenierung.
    Foto: Beu

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Vergangene Saison hatte das Staatstheater Wiesbaden eine Dramatisierung von Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" auf die Bühne gebracht, die Produktion in der Regie von Uwe Eric Laufenberg dauerte mehr als vier Stunden. Jetzt hat sich auch das Theater Bonn den Stoff gegriffen. Beide Häuser benutzen die Bühnenfassung John von Düffels, doch kommen Regisseurin Sandra Strunz und Choreografin Lisi Estaras in den Bad Godesberger Kammerspielen mit 80 Minuten weniger aus. Interessant: Beide Einrichtungen sind stimmige, packende Hingucker - obwohl in der Machart das schiere Gegenteil voneinander.

    Schon die Bühnenbilder definieren die Unterschiedlichkeit der Ansätze. Wiesbaden begnügte sich mit einer Bühne aus großem Esstisch mit beigestelltem Sekretär in einem ansonsten leeren Salon. Dahinein setzte Laufenberg ein aktionsarmes, in konservativer Strenge gehaltenes Kammerspiel entlang einiger Zentralkomponenten aus dem Leben der großbürgerlichen Kaufmannsfamilie Buddenbrook. Der Abend blieb bis zu den Kostümen hin ein getreuliches Abbild der Romanzeit (mittleres 19. Jahrhundert), das vornehmlich auf intensives Realismusspiel des Ensembles setzte.

    Eine ganz andere Bühne hat Sabine Kohlstedt jetzt für Bonn gebaut: Gerundeter Kuppelsaal mit güldenen Säulen, umlaufender Innenrang, feines Parkett, gediegene Holzkassettenwände. Dieser Gesellschaftsraum der Buddenbrooks stinkt nach Reichtum, erinnert zugleich ein bisschen an Zirkusmanege, Varieté, Tanzpalast. Und getanzt wird dort ständig, zur kunstvoll komischen Blechblas-, Harmonium- und Geräusch-Mucke, live gespielt von Karsten und Rainer Süßmilch. Walzer, Schieber, Tango: Die kaufmännische Hautevolee gibt sich tänzerisch ein Stelldichein, anbei die Schnäbel wetzend über diesen Geschäftscoup oder jenen Bankrott; mittenmang auch lukrative Ehestiftungen ausbaldowernd.

    Die zum Schauspiel umgeformte und notgedrungen gehörig verkürzte Romanhandlung nimmt in Bonn deutlich Eigenarten des Tanztheaters an. Selbst in Monolog- oder Dialogszenen sind pantomimische und tänzerische Gesten, Haltungen, Bewegungen allweil bedeutsame Komponenten. Derart entfernt sich die Inszenierung vom realistischen Charakterspiel, mutiert zum metaphorischen und symbolhaften Typenspiel, das auch allerhand Bezüge zur Stilistik der Commedia dell'arte wie des Boulevardtheaters aufweist.

    Gleichwohl verliert sich die weithin giftig ironische bis satirische Inszenierung nie in Albernheit, sondern verfolgt mit wohldurchdachter, auf fast allen Positionen fabelhaft gespielter Mischung der Darstellungsweisen konsequent ihre ernste Absicht: Anhand von Thomas Manns Geschichte darzulegen, dass schon der alte Pfeffersack-Kapitalismus seinem Wesen nach ein Zertrümmerer des Menschlichen war und Stammvater des heutigen entfesselten neoliberalen Kapitalismus. Als Thomas Buddenbrook beginnt, mit noch auf dem Acker stehendem Brotgetreide zu spekulieren, wird Walzertanz zur körperlichen und klanglichen Kakophonie, läutet in der einzig missratenen Szene des Abends eine (leider völlig unverständlich) kreischende Göre das Wall-Street-Zeitalter ein.

    Der Buddenbrook-Saal bricht auseinander. Nun in Unterwäsche und nach Manier des Modern Dance bis zur Erschöpfung stampfend, zitternd, ruckend, zuckend, findet sich die noble Gesellschaft zum Totentanz der Familiendynastie ein - der zugleich Sinnbild für die alles verzehrende Wachstumsbestie unserer Gegenwart sein soll. Unbedingt sehenswert.

    Termine und Tickets unter Tel. 0228/778 008

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