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Koblenz

Premiere in Koblenz: "My Fair Lady" zwischen gestern und heute

Lange Bühnenabstinenz: Nach gut 20 Jahren erobert das Erfolgsmusical "My fair lady" das Koblenzer Stadttheater zurück. Am Samstag feierte das Stück von Frederick Loewe und Jay Lerner Premiere – und sorgte nicht nur für begeisterten Szenenapplaus.

Geklotzt, nicht gekleckert: "My Fair Lady" (hier das Pferderennen in Ascot) erzielt mit beträchtlichem Aufwand einen großen Premierenerfolg.
Geklotzt, nicht gekleckert: "My Fair Lady" (hier das Pferderennen in Ascot) erzielt mit beträchtlichem Aufwand einen großen Premierenerfolg.
Foto: Matthias Baus

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

Klassiker hin, Klassiker her: Auch das Theater kennt Wellenbewegungen. Nach Jahren des Dauererfolges verabschieden sich manche Stücke von den Spielplänen – und man weiß nicht, warum. Ein wenig gilt das auch für das Musical "My Fair Lady" von Frederick Loewe und Jay Lerner von 1956.

Über Jahrzehnte war es von Spielplänen nicht wegzudenken – in jüngster Zeit schien das Interesse daran nachgelassen zu haben. Vielleicht, weil man auch ohne "Aufschrei"-Feminismusdiskussion immer weniger nachvollziehen konnte, warum sich das Blumenmädchen Eliza in ihren nicht gerade emotionsstarken Förderer Higgins mit seinen frauenfeindlichen Ansichten verlieben sollte, der sie wie ein Versuchsobjekt in guter Sprache dressiert und schließlich der feinen Gesellschaft vorführt. In Koblenz kam noch ein Grund für die beinahe 20 Jahre währende Abwesenheit des Stückes hinzu: Es stand mit einer mehr als 10 Jahre lang gespielten Produktion von Hannes Houska wie wohl kein anderes für die 1996 beendete Ära dieses Intendanten.

Gefeierte Premiere

Nun also steht "My Fair Lady" wieder auf dem Koblenzer Spielplan – und ein großer Erfolg dürfte ihm nach der gefeierten Premiere am Wochenende sicher sein. Denn die Regisseurin des Werkes, die hier zuletzt mit ihrer Sicht auf die "Comedian Harmonists" und "Tosca" hoch erfolgreiche Anja Nicklich, schafft einen Spagat: Sie bedient aufrichtig die Erwartungen, die erfahrene Fans an das Stück haben mögen – und macht sich zudem wirksam Gedanken darüber, wie man das Stück heute befragen kann und sicherlich auch sollte.

So gleißt durch die Melodienseligkeit und die vielen spaßigen Momente des Abends auch immer wieder die eisige Kühle des eingefleischten Junggesellen Higgins, dessen durchaus frauenfeindliche, herabwürdigende Attitüde nicht charmant überschminkt wird: Da erschreckt man schon stellenweise über die Direktheit, mit der der Professor über das vom Rinnstein aufgelesene Blumenmädchen redet, als handele es sich um ein interessantes, letztlich aber wertloses Lebewesen.

Und so legitimiert sich auch der kleine Kniff am Ende: Eliza, die nach erfolgreicher Sprach-Neuprogrammierung vor diesem Despoten geflohen ist, obwohl sie sich in ihn verliebt hatte, kehrt noch einmal zurück, nachdem sie sich dieser fehlgelaufenen Cinderella-Aktion emanzipiert hat (auch in Kostüm und Frisur). Als sie aber einsehen muss, dass sie diesen gefühlskalten Mann nie wird ändern können, bedeutet dies einen Abschied für immer: So kann man offen gehaltene Stückende auf jeden Fall interpretieren.

Kluge Inszenierung

Auf der anderen Seite weiß die Regisseurin, was sie dem Stück und dem Publikum schuldig ist – und liefert das mit Hingabe, ja fast überbordend. Im quirligen Bühnenbild (Janina Thiel), das aus einer einer luxuriösen Gummizelle nicht unähnlichen Wohnung des Professors rasch und effektstark in verschiedene Bilder umgewandelt wird, tummeln sich Chor, Statisten, Ballett, Stepptänzer (mit erotischem Überraschungsmoment) und Dutzende rosaroter Pudel von Mutter Higgins. Das ist bunt, das ist turbulent, in der Kostümierung (Janina Thiel) zwischen spätviktorianisch und horrorbarock selten schlüssig – vor allem aber oft punktgenau ausgespielt mit vielen treffsicheren Szenen.

Wenn etwa Professor Higgings und Oberst Pickering erstmals aufeinandertreffen und sich mit Sympathiebezeugungen überhäufen, macht das Blumenmädchen aus einem Strauß zwei kleine – wer weiß, ob die beiden Herren nicht gleich umeinander werben wollen? Und für die Idee, das Pferderennen in Ascot unsichtbar, aber vom ganzen gut gelaunten Orchester mit Schenkelschlagen und Fußtrampeln umso hörbarer umsetzen zu lassen, gibt es zur Premiere begeisterten Szenenapplaus.

Beeindruckende Herrenriege

Zum Regiekonzept passend besetzt ist die herbe Eliza mit Kristine Larissa Funkhauser, die vor allem darstellerisch punktet und in den großen Gesangsnummern eher unauffälliger bleibt. Die Herrenriege schneidet vollumfänglich gut ab: Markus Schneider ist ein junger, sehr überzeugender Professor Higgins. Er trifft den Sprechgesangton, der in diesem Musical so wichtig ist, auf den Punkt – und bringt auch die faszinierende Zweischneidigkeit der Figur überzeugend auf die Bühne.

An seiner Seite ist ihm Wolfram Boelzle ein guter Sparringspartner als weit menschlicher gezeichneter Oberst Pickering, zum Publikumsliebling avanciert André Wittlich als Elizas Vater Alfred P. Doolittle mit starkem Gesang und ebensolcher Bühnenpräsenz: Diesen Müllkutscher muss man einfach gernhaben, wenn er sich auch noch so fragwürdig gegenüber seiner Tochter verhält. Schließlich Juraj Hollý als der in Eliza verliebte Freddy: Vom Kostüm her wirkt er wie einem Tim-Burton-Film entlaufen, stimmlich macht der vortreffliche Operntenor auf jungen Karel Gott – eine sehr sympathische Leistung.

Auch eine musikalische Glanzleistung

Als Haushälterin Mrs. Pearce bringt Anne Catherine Wagner vollendeten französischen Akzent ein, Kammersängerin Claudia Felke, in Koblenz als Eliza Doolittle unvergessen, setzt nun als Mutter von Professor Higgins auf treffsicheren Zynismus und ein Spektrum zwischen herablassender Grandezza und Mitgefühl für das von ihrem Sohn derart lieblos behandelte Mädchen.

Liebevoll zusammengehalten wird das alles vom Graben aus von Dirigent Karsten Huschke: Da stimmen die Tempi, auch alle Einsätze der Solisten und auch des teils von der Seite singenden Chores funktionieren wie geölt, die Rheinische Philharmonie folgt mit großer Emphase und ermüdungsfrei durch den gut dreistündigen Abend.

Dazu wird vom Ballett auf wenig Bühnenplatz vollendet und mit ironischen Brechungen getanzt (Choreografien: Steffen Fuchs) und ambitioniert gesteppt (Choreografie: Michael Waldrop): Bei dieser "My Fair Lady" wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die Patina, die das Stück seit 1956 angesetzt hat, ist teils analytisch abgetragen, weithin aber eher kräftig überschminkt. Wiederbelebung gelungen: Der Patient tanzt und singt.

Info: Termine und Karten unter Tel. 0261/129 28 40

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