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Endloses Theater um das Theater Trier

Millionendefizit am Ende der Spielzeit, Zuschauerschwund um beinahe 20 Prozent, eine Teilentmachtung des neuen Intendanten: Das Theater Trier macht keine positiven Schlagzeilen in diesen Tagen. Zum Saisonauftakt muss sich Intendant Karl Sibelius mit seinem eigentlich gekündigten Schauspielchef arrangieren – es geht rund hinter den Kulissen der Trierer Bühne.

Mit großen Zielen angetreten, mehrfach ebenso grandios gescheitert: der Trierer Intendant Karl Sibelius. Foto: dpa
Mit großen Zielen angetreten, mehrfach ebenso grandios gescheitert: der Trierer Intendant Karl Sibelius.
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Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

Trier. Die Sommerpause ist vorüber, die Mitarbeiter der rheinland-pfälzischen Theater sind aus den Ferien zurückgekehrt, auch das Publikum freut sich vielerorts auf die ersten Premieren der Spielzeit. Und: Die Theater wissen nach Sichtung der Abrechnungen der vergangenen Spielzeit, wie viele Besucher in der vergangenen Saison den Weg in ihre Spielstätten gefunden haben. Grund zum Jubel etwa am Mainzer Staatstheater, wo sich alle Sparten über mehr Zulauf freuen können – Anlass zum Schweigen in Trier. Auf Anfrage der lokalen Medien verschickte das Rathaus die Zahlen, und die schreiend laute Stille zur zur abgelaufenen Saison hatte ihre Gründe: Nur 79 452 Zuschauer kamen ins Trierer Theater in der ersten Spielzeit des neuen Intendanten Karl Sibelius. Zum Vergleich: Das waren ungefähr 18 000 oder rund 19 Prozent weniger Zuschauer als in der Abschlussspielzeit von Intendant Gerhard Weber, weniger denn je in Trier.

Nun kann man sagen: Mit dem Beginn einer neuen Ära wenden sich oftmals einige Besucher vom Theater ab, es kann dauern, bis sie wiederkommen – oder in gleicher oder größerer Zahl neue Zuschauer angezogen werden. Doch in Trier kehrte der neue Besen zu gut: Die Abozahlen gingen in den Keller, Zuschauer verließen reihenweise einige unglückliche Auftaktpremieren des neuen Leitungsteams.

Und die schwache Zuschauerzahl ist nur eine von vielen negativen Eckwerten des Auftakts von Intendant Sibelius: Das für die abgelaufene Saison zu erwartende Defizit wird in Schätzungen zwischen 1,3 und 2,6 Millionen beziffert, über all dem hängt noch wie ein Damoklesschwert die dringend anstehende Sanierung des in die Jahre gekommenen Großen Hauses, die optimistisch mit 40 Millionen Euro vor der Tür steht und in der Stadt nicht unumstritten ist.

Die Causa Sibelius ist dabei auch eine Causa Thomas Egger: Der Kulturdezernent von der SPD gibt im Streit um das Theater und dessen Leitung eine ausgesprochen unglückliche Figur ab. Die Stadtratsfraktionen beklagen, in Entscheidungen rund ums Theater zu spät und schlecht informiert worden zu sein: Einen Höhepunkt erreichte dies in den vergangenen Tagen, als Intendant Sibelius allein zu einem Arbeitsgerichtstermin nach Frankfurt fuhr. Der Grund: Die Auseinandersetzung mit seinem Schauspieldirektor Ulf Frötzschner. Dieser war bei Sibelius in Ungnade gefallen und nach zwei zweifelhaften Abmahnungen entlassen worden. Diese Kündigung war für nichtig erklärt worden, der geschasste Schauspieldirektor bot an, seine Stelle wieder anzutreten – und bekam von Sibelius 100 000 Euro Abfindung angeboten. Das mochten die Trierer Politiker nicht auf sich sitzen lassen: Immerhin hatten sie zuletzt dem Intendanten die Finanzhoheit über das Theater entzogen und ihn so deutlich entmachtet, ein kaufmännischer Geschäftsführer ist noch nicht gefunden – den Posten übernimmt vorerst, sichtbar ohne Fortune, Kulturdezernent Egger.

Nun spielt sich im Theater Trier eine beispiellose Posse ab: Der zu Unrecht entlassene Schauspielchef kehrt für diese Spielzeit zurück, um mit dem Schauspielensemble zu arbeiten, das zu großen Teilen zu ihm hält und gegen den Intendanten offen opponiert. Über den Fehlbetrag wird bald auch im Kulturausschuss des Landtags gestritten werden. Unklar ist auch, ob Sibelius, dem angeblich vom Kulturdezernenten die Tätigkeit als Regisseur und Schauspieler stark eingeschränkt wurde, nun doch mehr spielen und Regie führen soll, um Geld zu sparen. Und als wäre das alles nicht genug, mischt sich noch der Bund der Steuerzahler Rheinland-Pfalz ein und fordert, das Theater Trier wegen des Defizits ganz abzuwickeln, schließlich wäre es billiger, Trierer nach Luxemburg ins Theater zu fahren: Eine hoch blamable, vor Unwissen und Verantwortungslosigkeit strotzende Haltung, die prompt die wohl zornigste Replik vom Landesmusikrat erhielt, die dieser jemals verfasst hat. Selbst die Trierer AfD, von Anfang an kein Freund des neuen Intendanten, hatte sich bislang nicht derart in der Diskussion ums Theater verstolpert.

Egal, ob und wann über diese Affäre sowohl der Intendant als auch der Kulturdezernent stolpern: Leidtragende der hemmungslosen Selbstüberschätzung auf beiden Stellen ist das Publikum. Und das stimmt mit den Füßen ab: Selbst für die ersten Premieren der Spielzeit im Großen Haus, sogar fürs "Weiße Rößl", sind noch erschreckend viele Karten zu haben.

Pleiten, Pech und Pannen

Schon vor seinem Amtsantritt musste der seit vergangener Spielzeit in Trier wirkende Intendant Karl Sibelius (47) Abfindungen an eine potenzielle Mitarbeiterin leisten, der eine Anstellung zugesagt worden war, die sie doch nicht erhielt. Den Trierer Generalmusikdirektor wollte Sibelius loswerden – nur durch immense Publikumsproteste konnte sich Viktor Puhl im Amt halten, er verlässt das Haus Ende der neuen Spielzeit. Mit seinem Schauspieldirektor Ulf Frötzschner lag Sibelius bald über Kreuz – nun wurde dessen Entlassung für nichtig erklärt, Frötzschner soll nun doch noch für eine Spielzeit an das tief gespaltene Haus zurückkehren, mit Ende der in diesen Tagen beginnenden Saison wollen auch viele Schauspieler das Theater verlassen.

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