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    Einmal Belcanto mit allem, scharf und Soße

    Eine schlüssige Inszenierung für ein schwieriges Stück, tolle Sänger, brillante Leistungen von Orchester und Chor: Mit einer Leistung wie bei Vincenzo Bellinis "I Puritani" an der Oper Stuttgart kann die Saison beschwingt zu Ende gehen.

    Gefeierte Elvira in Stuttgart: Die bis vor wenigen Jahren am Mainzer Staatstheater tätige Sopranistin Ana Durlovski
    Gefeierte Elvira in Stuttgart: Die bis vor wenigen Jahren am Mainzer Staatstheater tätige Sopranistin Ana Durlovski
    Foto: A. T. Schaefer

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Stuttgart. Das kann nur die Musik: Hängt im Schauspiel die Geschichte arg durch, kann selbst große Schauspielkunst das Stück kaum noch retten. Bei der Oper ist das bekanntlich anders, für ergreifende Musik nimmt man auch Unwahrscheinlichstes hin. Wenn es nicht für das ganze Werk reicht, dann doch immerhin die "Hits" - das gilt auch für Vincenzo Bellinis "I Puritani" von 1835. Das selbst für Opernmaßstäbe sehr verworrene Libretto macht das Stück zum Problemfall, doch die großen Szenen der Elvira ("Son vergin vezzosa" und die Wahnsinnsszene) sind hundertfach in Wunschkonzerten und Aufnahmen verewigt.

    Seit der Belcanto-Renaissance Mitte des vergangenen Jahrhunderts gehört "I Puritani" aber auch zu den Werken, die immer wieder szenisch befragt werden, wenn die rechte Primadonna oder ein Ausnahmetenor zur Verfügung stehen: Auch Elviras Geliebter Arturo kann - wenn er über stratosphärisch hohe Spitzentöne verfügt - in diesem Stück für Aufsehen sorgen.

    Anscheinend sind im Moment genügend gute Sänger am Start: Gleich drei Neuinszenierungen von "I Puritani" sind derzeit in der Schweiz, in Spanien und in Deutschland zu sehen - und Stuttgart hat Chancen, als Primus abzuschließen. Denn hier wird sowohl viel für die Ehrenrettung des Stücks getan als auch eine Sängerbesetzung präsentiert, die reines Belcanto-Glück bietet.

    Dass das Regie/Dramaturgie-Team Jossi Wieler und Sergio Morabito es schafft, die Geschichte zumindest aus privater Beziehungsperspektive zu erzählen, ist schon einmal viel wert: Vor dem Hintergrund der englischen Revolution, der Auseinandersetzung der katholischen Stuarts mit den Puritanern um George Cromwell, wird die Liebes- und Leidensgeschichte der jungen Elvira erzählt. Sie soll einen Puritaner heiraten, liebt aber den Stuart-Parteigänger Arturo. Als dieser der Witwe des ermordeten Königs Karls I. die Flucht ermöglicht, muss sie an seine Untreue glauben, wird wahnsinnig - und wieder gesund, als Arturo zurückkehrt, das Schicksal sich wendet und die Geschichte mit einem Schlag glücklich endet.

    Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock betont einen überzeitlichen Ansatz, wenn sie dazu einen zerstörten Kirchenraum zeigt, in dem geköpfte Heiligenstatuen und abgehängte Prachtmalereien vom Ende alter Systeme zeugen - Neonröhren und manches Kostüm aber auch zu uns herüberreichen. Merke: Bildersturm ist überall, nicht erst seit dem Wüten der Terroristen in Palmyra und anderswo.

    Das alles geht zwar auf, wäre gleichwohl immer noch ein bisschen fad angesichts von mehr als drei Stunden Spieldauer - würde nicht Giuliano Carella im Graben das Orchester zu einer brillanten Leistung antreiben. So federleicht und sängerfreundlich, so vielfarbig und dynamikverliebt, so turbulent Dramatik aufbauend und in Melodienbogen weit ausschwingend können das nur wenige Orchester.

    Und so entsteht die Grundlage für das Sängerfest dieses Abends, an dessen Spitze unangefochten die Elvira der Ana Durlovski steht: eine Sopranistin, die jegliche Regieanweisung mitmacht und unter szenischer Volllast erst so richtig zu stimmlicher Hochform aufläuft. Spitzentöne, hingetupfte Läufe und Verzierungen, warmer Gefühlsstrom und ekstatischer Ausdruck: ein Erlebnis. Und Tenor Edgardo Rocha als Arturo ist ihr ein starker Partner, schafft beinahe alle Höhenanforderungen - das ist mal ein Bellini-Traumpaar, zu dem Adam Palka als Elviras Onkel Giorgio noch einen Weltklasse-Prachtbass hinzufügt.

    In einer Hinsicht sind diese "Puritani" eine Premiere: Die Entstehungsgeschichte der Oper war einst sehr kompliziert, zwei Fassungen entstanden gleichzeitig, spätere Aufführungen wurden meist stark gekürzt, um Soprane oder Tenöre besser zu präsentieren oder um einer angeblichen Tradition zu genügen. In Stuttgart ist nun erstmals jede Note, jeder Ton zu hören, die Bellini im Zusammenhang mit "I Puritani" erdacht hat: einmal Belcanto mit allem, scharf und Soße sozusagen. Eine musikologische Meisterleistung, die viele durchaus hörbare Bezüge und Proportionen herstellt. Zugegebenermaßen kommen allerdings die Sänger dabei ein bisschen abgekämpft in den Zieleinlauf.

    Noch dreimal im Juli und dann wieder Mai/Juni 2017 zu sehen, Infos: www.oper-stuttgart.de

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