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    Bad GodesbergAuf Prosperos Insel stranden Roboter

    Es ist kein gutes Zeichen, wenn ein gerade einmal knapp zweieinhalbstündiger Theaterabend einem schier endlos vorkommt. So erlebt jetzt bei William Shakespeares „Der Sturm” auf der Godesberger Schauspielbühne des Theaters Bonn. Den freundlichen Applaus aus dem Premierenpublikum für die Inszenierung von Gavin Quinn können wir in diesem Fall nicht teilen: Zu schnoddrig, zu abwegig und teils ungeschickt fällt der Umgang mit dem wunderbaren Spätwerk aus.

    Auf kalte Ausdrucksmechanik fixiert: das Ensemble der Bonner Neuinszenierung von Shakespeares „Der Sturm“.  Foto: Thilo Beu
    Auf kalte Ausdrucksmechanik fixiert: das Ensemble der Bonner Neuinszenierung von Shakespeares „Der Sturm“.
    Foto: Thilo Beu

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    "Der Sturm" ist bekanntermaßen nicht leicht zu spielen. Denn im Geschehen auf einer fernen Insel stecken drei quasi zeitgleich, aber mit verschiedenen Personen an getrennten Orten stattfindende Handlungen, die zudem der steten Beeinflussung durch eine übergeordnete Instanz unterliegen. Wer dies, wie jetzt Bonn, auf einer spartanischen Einheitsbühne (Aedín Cosgrove) mit ein bisschen Requisitengeschiebe abwickeln will, muss der Begreifbarkeit wegen beträchtliche Sorgfalt auf Szenen- und Textanschlüsse verwenden. Doch in dieser Inszenierung bleiben, nach bühnentechnisch effektstarkem Beginn und vor einem ebensolchen Ende, viele Anschlüsse unübersichtlich.

    Der durch Prospero mittels Zauber entfesselte Sturm verschlägt seine alten Feinde von den Höfen Mailands und Neapels auf das triste Eiland. Es spielt die Bühnenmaschinerie mit dem Fußboden Meeresbrecher; von oben krachen Bretterbündel herab; aus den Lautsprechern wummern ohrenbetäubend Donnerschläge. Das Licht geht aus und an, springt von hier nach dort – will sich eine derart lange Weile gar nicht mehr beruhigen, dass man eine jener Pannen befürchtet, an denen es dem Abend nachher nicht mangelt.

    Da stehen die Gestrandeten nun in der Ödnis, sprechen und handeln so steif und ungerührt, als sei der Nichtgeist neuzeitlicher Robotik in sie gefahren. Vorneweg König Alonso, der in Bonn eine Königin ist (Ursula Grossenbach). Wie hier auch der Prospero Frau sein muss und von Birte Schrein metallisch schnarrend ebenfalls als seelenlose Kunstfigur gegeben wird. Leider bleibt die geschlechtliche Umdeutung der beiden Rollen für das Spiel belanglos, weil die Fixierung auf kalte Ausdrucksmechanik ihnen und anderen sowieso den großartigen Kosmos Shakespear'scher Figurenpsychologie komplett austreibt.

    Vergebens auch das Hoffen auf jene herrlichen Passagen, in denen Prosperos Tochter Miranda erstmals im Leben einen jungen Mann zu Gesicht bekommt – von diesem seltsamen Wesen fasziniert, in aller normfreien Unschuld ihre Weiblichkeit und ihre Lust entdeckt. Es bleibt davon nur ein wunderhübsches Lächeln Lydia Stäublis und ihr Kostümwechsel von Arbeitshose zu kniefreiem Petticoat. Sonst staksen die jungen Leute meist mit Digitalbrille im Gesicht realitätsblind umher, als sei das Leben bloß ein dreidimensionales Computerspiel. Sollte das die Leitidee von Quinns Inszenierung sein?

    Man weiß es nicht, sieht nur, dass Shakespeares „Sturm” weitgehend verschenkt wird. Ausgenommen die im Original mit den Säufern Trinculo und Stephano angelegten volkskomödiantischen Partien. Hajo Tuschy und Sören Wunderlich ziehen bierselig kalauernd, polternd, lallend volles Komikregister. Da kann man mal laut lachen – wenn schon das Übrige so fehlgeraten wirkt wie das Kostüm Ariels: Die zierliche Laura Sundermann muss sich mit riesigen sperrigen Federflügeln abmühen, was Shakespeares flirrenden Luftgeist zu einem wie von Wackelkontakten geplagten Spielautomaten macht.

    Infos und Karten gibt es unter Telefon 0228/778.008 und online unter www.theater-bonn.de

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